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N A C H R I C H T E N

26.04.2000

Stammzellen-Therapie: Hohe Erwartungen und ethische Debatten

Frankfurt/Main (Sandra Trauner) - Forscher arbeiten weltweit dran, einen Zelltyp zu kultivieren, dem fast magische Fähigkeiten bei der Heilung von Krankheiten zugetraut werden: Stammzellen. Das sind Zellen, die sich noch nicht auf eine bestimmte Aufgabe im Körper festgelegt haben. Später entwickeln sie sich zu Haut-, Muskel oder Blutzellen. In reinster Form gibt es Stammzellen nur im Fötus. Könnten solche Zellen dazu gebracht werden, sich beispielsweise in einer versagenden Niere in eine junge, gesunde Nierenzelle zu verwandeln oder in einem von Alzheimer zerstörten Gehirn in eine Nervenzelle, wäre das eine Art Jungbrunnen - eine Vorstellung, die den Ruf nach einer ethischen Begleitforschung laut werden lässt.

Für den Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Biochemiker Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, gehören Stammzellen "zum Spannendsten, was die Zellbiologie derzeit zu bieten hat." Sie böten enorme Chancen für die Medizin, aber auch nicht zu unterschätzende Gefahren: "Von embryonalen Stammzellen zumindest ist bekannt, dass sie in einer ihnen fremden Umgebung zu Krebszellen entarten können."

Erstaunlicherweise ist um die Stammzellen, anders als bei der "grünen" Gentechnik für die Landwirtschaft, bislang keine breite gesellschaftliche Debatte entbrannt. "Die Diskussion wird in Deutschland nicht intensiv genug geführt", meint der Hämatologe Prof. Dieter Hoelzer, Direktor der Medizinischen Klinik III des Frankfurter Universitätsklinikums. Er hält das Thema für höchst brisant und mahnt: "Für jeden Schritt, den wir weiter kommen, brauchen wird eine ethische Begleitforschung, die genau so ernsthaft betrieben wird wie die medizinische Forschung selbst."

Die Stammzellentherapie wird bei bestimmten Krankheiten schon angewendet: Als Knochenmarkspende. Manchen Leukämie-Patienten werden nach einer Chemotherapie, die ihre kranken Zellen zerstört hat, Stammzellen aus dem Knochenmark eines erwachsenen Spenders gespritzt. Die Stammzellen des Spenders helfen dem Patienten, neues, gesundes Blut zu bilden. Dieser Methode liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass sich auch im erwachsenen Körper einzelne Stammzellen erhalten haben. In größeren Mengen fanden sich solche "adulte" Stammzellen bisher nur im Knochenmark, das die Blutbildung steuert.

Eigentlich müssten sich überall im Körper solche Stammzellen finden lassen, sagen Forscher. Sie sorgen unter anderem dafür, dass verletzte Haut heilt und gebrochene Knochen wieder zusammenwachsen. Immer wieder berichteten Forscherteams in den vergangenen Monaten von ersten experimentellen Erfolgen, solche Zellen im Gewebe zu isolieren, in Kolonien zu halten und zu vermehren. Von einer klinischen Anwendung sind solche Verfahren jedoch noch weit entfernt.

Außerdem haben "adulte" Stammzellen einen gravierenden Nachteil: Sie können sich jeweils nur in die Art Zelle verwandeln, für deren Produktion sie programmiert sind: Eine Nervenstammzelle kann nur Nervenzellen, eine Stammzelle aus dem Knochenmark nur Blut bilden. Genau aus diesem Grund lechzt die Wissenschaft nach den "embryonalen" Stammzellen, die noch in keiner Weise festgelegt sind.

Experimente mit ungeborenem Leben verbietet das deutsche Embryonenschutzgesetz. Eine legale Möglichkeit zur Gewinnung embryonaler Stammzellen ist die Nabelschnur. Was über Jahrtausende hinweg nach der Geburt achtlos weggeworfen wurde, ist inzwischen ein wertvolles Gut. An der Universität Düsseldorf haben Mediziner mehr als 4 000 Nabelschnurblutproben gesammelt. 100 Transplantate wurden bislang abgegeben, überwiegend an leukämiekranke Kinder. Düsseldorf arbeitet mit anderen Nabelschnurblutbanken zusammen, die vor drei Jahren eine gemeinsame Datenbank namens Netcord gegründet haben.

Auch die Industrie hat dieses Potenzial erkannt. In Leipzig gibt es seit 1997 eine kommerzielle Nabelschnurblutbank, die für 30 Mark monatlich das bei der Geburt entnommene Nabelschnurblut eines Menschen lebenslang tiefgefroren aufbewahrt - als mögliche Eigenspende. Kritiker bezeichnen dies als Geldschneiderei, denn statt die wertvollen Stammzellen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, wird das Blut nur für eine eigene - unwahrscheinliche - Leukämieerkrankung aufgewahrt. Die wenigen Stammzellen reichten zudem für einen erwachsenen Patienten nicht, so die Kritik.

Dieses Problem könnte indes bald hinfällig werden, denn Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an der Vermehrung der wertvollen Zellen - bisher allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Kritiker sehen das positiv. Ihnen ist das Verfahren zu nah am Klonen, an der Erschaffung des künstlich als Kopie geschaffenen Menschen.

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