N A C H R I C H T E N 26.04.2000 Fit für Firma und Büro - Äpfel und Yoga sollen Fehlzeiten vermeidenDüsseldorf (Alexander Renatus) - Mit kostenlosen Äpfeln, Yogaübungen während der Arbeitszeit, Rückenschulung und Gymnastik in der Mittagspause versuchen einige Unternehmen in Deutschland, ihre Mitarbeiter fit zu machen für die Belange von Chef, Firma und Büro. Jogging im Morgengrauen und halbstündige Fitnessübungen vor der Konzernzentrale, wie sie etwa in Japan und Südkorea üblich und durchaus auch von Arbeitnehmern akzeptiert sind, gibt es in Deutschland aber noch nicht.Ohnehin ist festzustellen, dass Arbeitgeber in Deutschland nur selten Fitness am Arbeitsplatz als Firmendevise aufgreifen. Dies ist um so erstaunlicher, als die These: "Je gesünder die Mitarbeiter, desto gesünder das Unternehmen" wissenschaftlich belegt ist. Zudem verpflichtet das neue Arbeitsschutzgesetz die Unternehmen dazu, Gesundheit und Wohlbefinden der Beschäftigten zu erhalten und arbeitsbedingten Erkrankungen vorzubeugen. Wichtigstes Grundprinzip wäre daher die Prävention und die Gesundheitsförderung. Doch davon ist man in Deutschland noch weit entfernt. "Für die Sicherheit am Arbeitsplatz ist zunächst einmal jeder selbst verantwortlich", heißt es etwa beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Jeder vierte Betrieb lässt immerhin die Arbeitsplätze regelmäßig von Betriebsärzten und Sicherheitsfachkräften auf mögliche Gefahren hin überprüfen. Nach Angaben von Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft glauben zwei Drittel aller Arbeitnehmer, dass sie selbst am meisten für einen effektiven Arbeits- und Gesundheitsschutz tun können. "Vor allem junge Mitarbeiter nehmen sich hier in die Pflicht", sagt der Experte. Nach seinen Angaben soll ein zeitgemäßer Arbeits- und Gesundheitsschutz im Interesse der Beschäftigten dreierlei bewirken: Die Mitarbeiter motivieren, einen ungestörten Betriebsablauf gewährleisten und die Qualität der Arbeit verbessern. Eine der ersten Firmen in Deutschland, die mit Aktionen für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter ernst machte, war der Spielehersteller Ravensburger. Sämtliche Mitarbeiter erhielten zum Arbeitsantritt an der Pforte des Unternehmens einen rotwangigen Apfel in die Hand gedrückt. Auch Joggen rund ums Firmengebäude fand bei rund 100 von insgesamt 1.200 Beschäftigten Anhänger. Weitere Veranstaltungen beschäftigten sich mit den Themen Ernährung, Hygiene, Rückenschulung und Sicherheit beim Skifahren. Zudem kümmerten sich über mehrere Jahre hinweg Gesundheitszirkel um Verbesserungen im Arbeitsalltag. Neben der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) stieg auch die Gesellschaft für Arbeitsmedizin (GFA) in Tuttlingen in das Projekt ein. Auch Karl Kuhn von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund meint, angesichts der hohen Produktionsausfälle durch Arbeitsunfähigkeit von jährlich rund 93 Milliarden Mark in Deutschland würde "Fitness zum Wettbewerbsfaktor". Laut GFA ist die Hälfte aller Fehltage in West- und Ostdeutschland nicht auf tatsächliche Erkrankung, sondern auf mangelnde Motivation der Mitarbeiter zurückzuführen. "Arbeit muss Spaß machen, sie muss Zufriedenheit vermitteln", sagt der Arbeitsmediziner Roland Ballier von der GFA. Bei den allermeisten Behörden und städtischen Verwaltungen ist Fitness und Arbeitsmotivation überwiegend noch kein Thema. Zwar gibt es in allen Behörden Beauftragte für den Arbeitsschutz. Doch diese konzentrieren sich in der Regel auf Rauchverbote am Arbeitsplatz, die gesetzlichen Bestimmungen für Bildschirmarbeitsplätze, Belüftungsangelegenheiten Pausenregelungen. Die Stadtverwaltung im niedersächsischen Vechta, die ihren Mitarbeitern angeboten hat, täglich 20 Minuten der Arbeitszeit mit Yoga oder sonstigen Entspannungsübungen zu verbringen, ist sicherlich eine große Ausnahme. In der Regel beschränkt sich das Thema Gesundheitsvorsorge nach wie vor auf das Auslegen von Broschüren über kurze Fitness-Übungen im Büro, die in der Regel von den unterschiedlichen Krankenkassen stammen. Spitzenreiter bei solchen Tipps sind Entspannungsübungen bei Schmerzen im Nacken, brennenden Augen von der Bildschirmarbeit, Stressbewältigung oder Rückenschmerzen. Schreibtischarbeiter sollten nach Angaben der Barmer Ersatzkasse (BEK) in Wuppertal nicht länger als 50 Prozent während der Arbeitszeit sitzen. Wichtig sei ein gezielter und gesunder Wechsel zwischen Phasen des Sitzens, Stehens und der Bewegung. Langes Sitzen, bewegungsloses Stehen und monotone Bewegungsabläufe belasten laut BEK die Wirbelsäule und lassen die Muskeln erschlaffen. Dagegen wirken sich häufige Haltungsänderungen des Körpers wie wechselndes Aufstehen, Hinsetzen, Beugen, Strecken oder kurzes Gehen positiv aus. "Arbeitnehmer fühlen sich leistungsfähiger und konzentrierter", so die Krankenkasse. Die Techniker-Krankenkasse etwa empfiehlt bei Kopf- und Spannungsschmerzen ebenfalls einseitige Körperhaltungen häufig zu unterbrechen und plädiert für "ausgiebiges Bewegen von Kopf und Hals, zum Beispiel auch durch Grimassenschneiden". © gms/MEDI-Report: www.medi-report.de |