N A C H R I C H T E N 25.04.2000 Arbeitgeber warnen vor "Zeitbombe" in der Krankenversicherung: "Dramatik bisher unterschätzt"Berlin (dpa) - Die Arbeitgeber haben vor einer "Zeitbombe" in der Krankenversicherung auf Grund der kommenden Rentnerwelle gewarnt. Diese werde die Krankenkassen mit noch stärkerer Wucht treffen als die Rentenkassen, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt in einem dpa-Gespräch. Ohne radikale Reformen werde der Beitragssatz der Kassen von heute 13,6 Prozent bis zum Jahre 2030 im Durchschnitt auf mindestens 22 Prozent ansteigen. "In der gesetzlichen Krankenversicherung tickt eine demographische Zeitbombe", sagte er.Als Folge müssten Arbeitnehmer und Arbeitgeber 150 Milliarden Mark zusätzlich im Jahr für die Kassenbeiträge zahlen. Derzeit seien es insgesamt 255 Milliarden Mark. "Die Dramatik der Altersentwicklung im Gesundheitswesen wird bisher unterschätzt", warnte Hundt. Die drastisch steigende Zahl von Rentnern werde die Kassen gleich doppelt belasten: Einerseits zahlten Rentner nur halb so viel an Beiträgen ein wie aktiv Beschäftigte. Andererseits seien ihre Krankheitskosten doppelt so hoch. Zugleich sinke die Zahl der Jungen. "Wir werden an radikalen Reformen nicht vorbeikommen", sagte Hundt. Er verlangte, die Leistungen auf eine Grundversorgung zurückzuschrauben. So könnte der Beitragssatz von heute 13,6 Prozent auf zwölf Prozent sinken. Hundt bekräftigte seine Forderung, den Arbeitgeberbeitrag gesetzlich auf den halben Beitragssatz der billigsten für alle geöffneten Kasse, höchstens aber sechs Prozent, zu begrenzen. Er unterstützte den Vorstoß von Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne), die bisher kostenlose Mitversicherung von nicht berufstätigen Ehepartnern einzuschränken. Als "unverantwortlichen Tiefschlag" gegen die gesetzliche Krankenversicherung bezeichnete die Vize-Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Ursula Engelen-Kefer, die Absicht der Arbeitgeber, die teureren Ersatz- und Ortskrankenkassen nicht mehr zur Hälfte mitzufinanzieren. Der DGB werde sich mit allen Mitteln dagegen zur Wehr setzen, sagte sie am Freitagabend der dpa. Damit würde die paritätische Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung praktisch aufgegeben. Ebenso sei dies eine gefährliche Aushöhlung der Solidarität der Beschäftigten mit verschiedenen Krankheitsrisiken und den Rentnern. Düstere Vorhersagen für die künftige Versorgung der Bevölkerung mit Gesundheitsleistungen lieferte indessen die Unternehmensberatung Arthur Andersen. In 15 Jahren seien gesetzliche und private Krankenversicherungen in Leistung und Organisation nicht mehr von einander zu unterscheiden, berichtete die "Berliner Morgenpost" (Samstag) aus einer Studie "Krankenhaus 2015 - Wege aus dem Paragrafen-Dschungel". Die Kosten im Gesundheitswesen werden danach um das Vierfache steigen und zunehmend von den Patienten getragen werden. Nach Prognose der Experten wird sich die Lage im Gesundheitswesen durch die steigende Lebenserwartung und den damit wachsenden Behandlungsbedarf bei sich rasant entwickelnden teuren Diagnose- und Therapie-Methoden verschärfen. Für die Kliniken werden eine Fusionswelle, drastischer Bettenabbau und weitere Spezialisierungen vorausgesagt. Es werde "Aldi-Kliniken" geben und das "ökologische Reformhaus". Wer den teuren Anbieter wähle, müsse tiefer in die eigene Tasche greifen. Ähnlich wie bei der Autoversicherung werde man auch bei der Krankenversicherung zwischen Voll- und Teil-Kasko wählen können. © dpa/MEDI-Report: www.medi-report.de Weitere Informationen zum Thema: Kliniksterben und explodierende Kosten: Andersen-Studie "Krankenhaus 2015" - 21.03.2000 |