N A C H R I C H T E N 21.04.2000 Der "Aufruf zum Kassenwechsel" ist angekommen - Beiträge schwanken zwischen 14,9 und 11 ProzentBerlin (Christine Möllhoff) - Eins haben Ersatz- und Ortskrankenkassen mit ihren lauten Rufen nach Schutz vor den Betriebskrankenkassen (BKK) zweifellos erreicht: Auch der letzte Kassenversicherte dürfte nun wissen, dass er die Kasse wechseln darf und sich dies oft auch lohnt. In der Tat ist die Beitragsspanne erheblich: Die billigste Kasse nahm nach Daten des Gesundheitsministeriums vom Januar 2000 gerade elf Prozent Beitrag. Die teuerste Kasse verlangte 14,9 Prozent.Nicht nur Arbeitnehmer, auch ihre Arbeitgeber können durch einen Wechsel schnell mehrere hundert Mark im Jahr sparen. Im Gegensatz zu SPD, Gewerkschaften und Großkassen wollen die Arbeitgeber daher den Preiskampf der Kassen verschärfen und den Kassenwechsel ankurbeln. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt fordert, den Arbeitgeber-Beitrag auf den halben Beitragssatz der billigsten Kasse, maximal aber sechs Prozent, zu begrenzen. Aktuell müssten die Unternehmen somit nur 5,5 Prozent zahlen. Wenn ein Beschäftigter freiwillig bei einer teuren Kasse bleibe, sei nicht einzusehen, warum dies das Unternehmen mitbezahle, meint Hundt. Bundesweit gibt es zwischen 800 und 1.000 Kassen. Ihr Beitragssatz betrug zum Jahresanfang im Durchschnitt 13,57 Prozent - im Westen lag er dabei mit 13,51 Prozent niedriger als im Osten mit 13,81 Prozent. Die niedrigsten Beiträge haben die BKK. Sie nehmen im Bundesschnitt 12,57 Prozent - rund einen Prozentpunkt weniger als die Konkurrenz. Die kleinen BKK sind die Direktbanken unter den Kassen, unterhalten kein großflächiges Filialnetz und betreuen ihre Kunden meist per Telefon, Post oder Internet. Entsprechend haben sie weniger Verwaltungskosten. Am teuersten sind die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Die "Gesundheitskasse" (Eigenwerbung) verlangt im Durchschnitt 13,84 Prozent. Die Angestellten-Ersatzkassen nehmen laut Ministerium durchschnittlich 13,73 und die Arbeiter-Ersatzkassen 13,63 Prozent. Die Innungskrankenkassen kosten 13,7 Prozent. Vor 1996 wurden Kassenmitglieder nach ihrer beruflichen Stellung den Kassenarten grob zugewiesen. Der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) verordnete den Kassen dann vor vier Jahren Wettbewerb und führte die Wahlfreiheit ein. Pflichtversicherte können jährlich zum 30. September kündigen und dann drei Monate später die Kasse wechseln. Wechseln darf jeder, auch Rentner, Gering- und Normalverdiener oder kinderreiche Familien. Bisher nutzen aber eher Junge, Gesunde und Gutverdienende das Wahlrecht. Die Kassen müssen jeden aufnehmen und dürfen "teure" Versicherte nicht ablehnen. Damit sich "Rosinenpickerei" nicht lohnt, führte Seehofer einen Finanzausgleich zwischen "reichen" und "armen" Kassen ein. SPD, Gewerkschaften und Verliererkassen bemängeln aber, dass der Finanzausgleich unterschiedliche Risikostrukturen nicht ausreichend wettmache. Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) hat daher Experten beauftragt, das System bis März 2001 zu überprüfen. Bei den Kassenversicherten kommt die neue Wahlfreiheit gut an - das ergab zumindest eine repräsentative Umfrage bei 3.000 Bürgern im Auftrag des BKK-Bundesverbandes vom Sommer 1999. Danach finden fast 75 Prozent das Recht, zu einer billigeren Kasse zu wechseln, "wichtig" oder sogar "sehr wichtig". Dennoch nutzten die Versicherten die Wahlfreiheit eher zurückhaltend. Nach der Umfrage hatten bis Sommer 1999 lediglich 6,8 Prozent ihre Kasse gewechselt. Hauptgewinner der Wahlfreiheit sind die BKK. Seit 1996 legten sie um 1,9 Millionen oder 38 Prozent auf 7,2 Millionen Mitglieder zu. Dagegen büßten die AOK seit 1996 etwa zwei Millionen Mitglieder ein. Die Ersatzkassen verbuchten zunächst Zuwächse. 1999 verloren sie dann 350.000 Mitglieder - ein Minus von 1,8 Prozent. Aus Angst vor einem weiteren Aderlass rufen nun vor allem teurere Kassen nach dem Gesetzgeber. Auch SPD und Gewerkschaften wollen den Kassenwechsel kurzfristig eindämmen, um ein "Ausbluten" der Großkassen zu schützen. © MEDI-Report/dpa: www.medi-report.de |