N A C H R I C H T E N 19.04.2000 Babys unter der Lupe: Untersuchungen im Mutterleib sind RoutineBerlin/Hamburg (Claudia Utermann) - Kaum ist die Schwangerschaft bestätigt, fragen sich die meisten werdenden Eltern bange: "Ist auch alles in Ordnung?" Frauenärzte sind heute verpflichtet, die Schwangere über mögliche Erkrankungen des Ungeborenen und Vorsorgemaßnahmen zu informieren. Dazu gehören die drei Ultraschalluntersuchungen, die längst zur Routine bei einer Schwangerschaft geworden sind. Auf der Strecke bleibt allerdings häufig die Beratung und das Gespräch mit den Eltern, was sie überhaupt von diesen Untersuchungen erwarten können und welche Konsequenzen sie daraus ziehen wollen - also möglicherweise auch eine Abtreibung.Professor Rainer Bollmann, Pränataldiagnostiker von der Berliner Charite, unterteilt diese Vorsorgeuntersuchungen in zwei Gruppen: zum einen in die Routineuntersuchungen um die zehnte, 20. und 30. Schwangerschaftswoche und zum anderen in Untersuchungen bei Risikoschwangerschaften. Als Risiko gelten unter anderem ein Alter der Mutter ab 35 Jahre, Erbkrankheiten in der Familie, Infektionen von Mutter oder Vater, Alkohol- oder Drogenmissbrauch sowie Auffälligkeiten, die beim Ungeborenen durch Ultraschall festgestellt werden. So könne zum Beispiel bereits beim ersten Screening ab der zehnten Woche der Nacken des Fetus gemessen werden, was Aufschluss über verschiedene genetische Syndrome wie ein mögliches Down-Syndrom (Mongolismus) oder auch Herzfehler geben kann. Ergeben sich Anhaltspunkte für eine ungewöhnliche Entwicklung des Babys, werden die werdenden Eltern über die so genannte invasive Pränataldiagnostik mit all ihren Chancen und Risiken aufgeklärt. Am häufigsten ist heute die Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) ab der 14. Schwangerschaftswoche. Mit einer Nadel wird durch die Bauchdecke der Schwangeren Fruchtwasser entnommen und der Chromosomensatz der dort enthaltenen kindlichen Zellen analysiert. Möglich ist auch die Untersuchung des Mutterkuchens (Chorionzottenbiopsie) bereits ab der elften Woche. Die Nabelschnurpunktion (Chordozentese), um kindliche Blutzellen zu gewinnen, ist am seltensten und das jüngste Verfahren. Viele Frauen lehnen diese invasiven Verfahren allerdings ab, da sie das Risiko einer Fehlgeburt von knapp einem Prozent befürchten. Stattdessen vertrauen sie immer mehr den ständig verbesserten Ultraschalltechniken. "Eine Alternative zur Fruchtwasseruntersuchung bietet Ultraschall aber nicht", betont Professor Bollmann. Zwar können heute viele Fehlbildungen, die Entwicklung einzelner Organe und sogar die Durchblutung der Feten im Mutterleib dank Ultraschall erkannt werden, doch zur genauen Analyse von Erbkrankheiten brauche man kindliche Zellen. Emine Cetin arbeitet in einer Praxis in Hamburg, die sowohl Fruchtwasserpunktionen als auch spezielle Ultraschalluntersuchungen anbietet. Die Gynäkologin weiß, dass im Bereich Beratung viel im Argen liegt und kritisiert, dass die "sprechende Medizin" weder von der Politik noch von den Krankenkassen unterstützt werde. Vor jeder Fruchtwasseruntersuchung wird in der Hamburger Praxis eine Beratung angeboten, 20 bis 30 Prozent aller werdenden Eltern entschieden sich danach gegen dieses Verfahren, so Cetin. "Bei all diesen Untersuchungen muss die Schwangere wissen, welche Erwartungen sie an ihr Kind hat", sagt die Gynäkologin. Pränatale Diagnostik könne nicht dazu dienen, behinderte Kinder herauszufischen. Genau das befürchten jedoch immer mehr gesellschaftliche Gruppen. Die Gesellschaft für Geburtsvorbereitung in Düsseldorf zum Beispiel lehnt die Routine-Ultraschalluntersuchungen ab. "Eine Schwangerschaft sollte nicht von vornherein als Risiko angesehen werden", meint Elisabeth Geisel vom Vorstand der Gesellschaft. Jede Schwangere gehe davon aus, dass mit ihrem Kind nichts sei und bei den ersten Zweifeln gerate sie sofort in ein Räderwerk, das eine enorme Belastung für Mutter und Kind bedeute. Geisel weist darauf hin, dass es trotz aller modernster Techniken keine Garantie für ein gesundes Kind gebe. Auch Emine Cetin sieht das so. Dennoch ist sie für obligatorische Ultraschalluntersuchungen: "Man muss doch auch sehen, welche Vorteile diese Technik gebracht hat." Zum Beispiel sei die Kindersterblichkeit oder auch die Rate der Komplikationen bei der Geburt stark gesunken. Zudem kämen 85 Prozent der per Ultraschall festgestellten Fehlbildungen gerade nicht aus dem klassischen Risiko-Kollektiv. Auch Herzfehler könnten so diagnostiziert werden; diese seien achtmal häufiger als das so gefürchtete Down-Syndrom. "Man kann einer Frau nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hat", betont Cetin. Neue Argumente in die Diskussion wird sicherlich bringen, dass künftig immer mehr Fehlbildungen bereits im Mutterleib behandelt werden können. Erst kürzlich gelang es britischen Ärzten in London einen Fetus mit offenem Rücken (Spina bifida) erfolgreich zu operieren. Auch diese Fehlbildung, die bei etwa jedem 2 000. Baby auftritt, war bei einer Ultraschalluntersuchung festgestellt worden. © MEDI-Report/gms: www.medi-report.de |