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18.04.2000

Länder nennen Beschluss zu Rindfleisch-Etikettierung richtigen Schritt - Kritik von Verbraucherverbänden

Berlin/Luxemburg (MEDI-Report/dpa) - Die Einigung der EU-Agrarminister auf ein europaweites Etikettierungssystem für Rindfleisch ist in Deutschland als Schritt in die richtige Richtung begrüßt worden. Mehrere Bundesländer beklagten allerdings zugleich, die am Montagabend in Luxemburg gefundene Regelung komme zu spät und gehe zum Schutz vor BSE nicht weit genug. Entscheidend sei aber, dass in Deutschland die Kennzeichnung des Geburtsortes der Tiere verbindlich gelten solle, erklärte die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände am Dienstag in Bonn.

Nach der Einigung der EU-Agrarminister können die Kunden bereits vom 1. September an im Supermarkt auf dem Etikett ablesen, in welchem Land das betreffende Tier geschlachtet und zerlegt wurde. Später, in einer zweiten Phase, sollen die Verbraucher letztlich den Weg des Fleisches von der Geburt des Schlachttieres bis zur Ladentheke genau zurückverfolgen können. Dies soll vom 1. Januar 2002 an der Fall sein.

In Deutschland werden die kompletten Angaben aber für heimisches Rindfleisch verpflichtend noch in diesem Jahr mit Beginn der ersten Phase auf den Etiketten zu finden sein. Das hatte Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke in Luxemburg angekündigt.

Das Europäische Parlament muss nun in einer zweiten Lesung nach Ostern der Entscheidung des EU-Agrarrates zustimmen. Bei einer Ablehnung durch die Abgeordneten wird sich ein Vermittlungsausschuss um eine einvernehmliche Lösung bemühen müssen.

Das Parlament hatte unter anderem gefordert, dass auch für Hackfleisch letztlich alle Angaben, einschließlich des Geburtsortes des geschlachteten Tieres, auf dem Etikett zu erkennen sein sollten. Nach der Entscheidung der Minister muss aber nur der Ort der Schlachtung und Verarbeitung angegeben werden. Etwa 40 Prozent des Rindfleisches in der EU wird als Hackfleisch vermarktet.

Die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn (Grüne) verlangte Nachbesserungen. Die jetzt gefundene Regelung sei "sehr unzureichend", sagte die Grünen-Politikerin im Norddeutschen Rundfunk. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Uwe Bartels (SPD) sagte, ihm wäre es lieber gewesen, wenn der umfassende Herkunftsnachweis gleich in einem Zug verwirklicht worden wäre.

Lexikon: BSE

Kleine, krankhaft veränderte Eiweiße (Prionen) sind verantwortlich für den so genannten Rinderwahnsinn. Die schwammartige Gehirnschädigung des Rindes (Bovine Spongiforme Enzephalopathie/BSE) war entstanden, weil Tierfutter-Hersteller in Großbritannien 1980 Schafskadaver zur Futterverarbeitung nicht mehr sorgsam sterilisiert hatten.

Fleisch- und Knochenmehl enthielt Erreger aus Scrapie-kranken Schafen, die ebenfalls ein schwammartig verändertes Gehirn haben. BSE-infizierte Rinder werden aggressiv, verlieren ihre Orientierung und verenden qualvoll, wenn sie nicht schon vorher getötet werden. Seit Ausbruch der Seuche 1984 sind in zehn von 15 Ländern der EU BSE- Fälle auftreten. Insgesamt haben sich bis Ende 1999 mindestens 188.000 Rinder infiziert, die meisten davon in Großbritannien.

Ein von der EU 1996 beschlossenes Exportverbot für britisches Rindfleisch wurde im August 1999 wieder aufgehoben. Nur Deutschland und Frankreich folgten diesem Beschluss zunächst nicht in vollem Umfang. Deutschland gab den Import erst Mitte März wieder frei und verlangte eine nationale Kennzeichnungspflicht für britisches Rindfleisch.

Studien aus Großbritannien deuten darauf hin, dass sich der Mensch beim Verzehr von BSE-verseuchtem Fleisch mit der neuen Variante der tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) anstecken kann. Eine CJD- Infektion äußert sich zunächst durch Gedächtnisstörungen, Kopfschmerzen sowie Schlaflosigkeit und führt später zu fortschreitender Demenz und zum Tod. Die Inkubationszeit beträgt bis zu 30 Jahren.

1997 hat der US-Mediziner Stanley B. Prusiner den Medizin-Nobelpreis für seine Prionen-These erhalten. Lange wurde vermutet, dass ein bislang unbekanntes Virus die Leiden auslöst.
(dpa/MR)