N A C H R I C H T E N 18.04.2000 BSE-Gefahr weiterhin gesehen: Frankreich gilt als Quertreiber im Rindfleisch-Streit mit EnglandParis (Sabine Heimgärtner) - Seit dem 1. August 1999 herrscht Krieg im Handel zwischen Frankreich und Großbritannien - zumindest was britisches Rindfleisch betrifft. Das Land der Genießer und Gourmets weigert sich hartnäckig, den Import von britischem Rindfleisch zuzulassen, den die Europäische Kommission in Brüssel mit diesem Datum europaweit wieder freigegeben hat. Die Kontroversen zwischen den Nachbarn und der EU als Schiedsrichter gingen so weit, dass jetzt der Europäische Gerichtshof eine Entscheidung treffen muss: Im Januar verklagten sich Frankreich und die Europäische Kommission gegenseitig.Paris verlangt, dass die Kommission ihre Entscheidung zurücknimmt und begründet diese Forderung vor allem damit, dass die von British Beef ausgehende Gefahr für die menschliche Gesundheit trotz weit reichender Vorsichtsmaßnahmen und Auflagen für die britischen Schlachtbetriebe immer noch zu groß sei. Brüssel dagegen wirft Frankreich vor, es verletze mit seinem einseitigen Importstopp die EU-Regeln. Britisches Rindfleisch war als Folge der Rinderseuche BSE seit 1996 von den Märkten verbannt worden. Frankreich, das den Briten früher mit 100.000 Tonnen im Jahr fast die Hälfte seiner Rindfleisch-Exporte abnahm, bedient sich seit Monaten zweier aussagekräftiger Argumente: Erstens gehe Verbraucherschutz über alles und zweitens sei immer noch nicht endgültig geklärt, ob es einen Zusammenhang zwischen Rinderwahnsinn und der neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen gibt. Bis zu einer Entscheidung des Gerichtshofs, die zwei Jahre dauern kann, wird also kein britisches Steak auf französischen Tellern landen und Frankreichs Nahrungsmittelexperten haben ausreichend Zeit, ihre Studien fortzusetzen. Derzeit werden beispielsweise mehrere 10.000 tote Rinder stichprobenartig auf BSE untersucht, um genauere Kenntnisse über die Ausbreitung der Seuche zu gewinnen. Gründe für solche Maßnahmen haben die Franzosen ausreichend: Kaum eine Woche vergeht ohne die Meldung eines neuen tödlichen Falls der tückischen Krankheit in französischen Rinderherden. Seit Jahresanfang registrierte das Landwirtschaftsministerium 14 BSE-Fälle, seit Auftreten der Krankheit in Frankreich im Jahr 1991 ist die Zahl der Fälle auf 92 angestiegen. Die unendliche Rindfleisch-Geschichte ging erst jetzt in eine nächste Runde: Frankreichs Landwirtschaftsminister Jean Glavany schreckte die Verbraucher am Wochenende mit einem so genannten "dritten Infizierungsweg" auf. Ohne konkrete wissenschaftliche Erkenntnisse zu nennen, folgerte der Politiker aus der Tatsache, dass trotz der 1994 europaweit eingeführten Schutzmaßnahmen die Zahl der infizierten Rinder gestiegen ist: "Man muss heute mit einem rätselhaften dritten Weg rechnen, bei dem sich die Virusinfektion durch andere Mechanismen überträgt." Panik löste die vage Befürchtung Glavanys nicht aus, dafür aber Ärger bei französischen Wissenschaftlern. "Reine Hypothese, die erst einmal bewiesen werden muss", lautete der Experten-Tenor. Fest stehe bislang nur eines: BSE werde entweder vom Muttertier auf das Kalb übertragen oder durch infiziertes Tierfutter. (dpa/MR) |