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17.04.2000

Boom der "Yuppie-Kassen": Verliererkassen sitzt die Angst im Nacken

Berlin (Christine Möllhoff) - Vielen Kassenversicherten dürfte am Montag die Zeitungslektüre die Laune verhagelt haben. Wenige Tage vor Ostern drohten Allgemeine Orts- und Ersatzkrankenkassen mit massiven Beitragserhöhungen. Die Schuldigen präsentierten sie gleich mit: Innungs- und Betriebskrankenkassen (IKK und BKK). Diese "Yuppie-Kassen" und "Billiganbieter" würden gezielt gesunde, zahlungskräftige Mitglieder abwerben und so das Solidarsystem untergraben, wetterten AOK und Ersatzkassen im Verein.

Kassenversicherte können aber vorerst aufatmen: In diesem Jahr dürften den meisten keine höheren Beiträge drohen. Immerhin haben die Kassen im Jahr 1999 einen Überschuss von einer Milliarde Mark eingefahren. Auch AOK und Ersatzkassen ruderten denn auch wenig später zurück: Zwar könnten einzelne Kassen ihre Beiträge erhöhen, aber eine Erhöhungswelle sei derzeit nicht geplant. Das ganze sei nur ein "Warnschuss", ein "Alarmsignal", hieß es nun.

In der Tat dürfte die Drohung mit höheren Beiträgen vor allem ein politischer Schreckschuss gewesen sein. Den "Volkskassen" sitzt die Angst im Nacken: Seit der 1996 eingeführten Wahlfreiheit für die Versicherten verlieren vor allem die AOK und nun zusehends auch die Ersatzkassen Mitglieder. Besonders junge, gutverdienende Beschäftigte wandern zu den preiswerten BKK ab. Seit 1996 gewannen diese fast zwei Millionen Mitglieder dazu.

AOK und Ersatzkassen fürchten einen Teufelskreis, wenn der Aderlass anhält: Ihnen blieben zusehends noch teure Versicherte wie Kranke, Alte, sozial Schwache und kinderreiche Familien. Als Folge müssten sie ihre ohnehin schon höheren Beiträge weiter erhöhen und würden damit die zahlungskräftige Klientel zum Wechsel treiben.

Den Vorwurf, sich die "guten Risiken" herauspicken, weisen die Gewinner-Kassen jedoch empört zurück. Nicht die BKK stürzten sich auf die Mitglieder, sondern die Mitglieder auf die BKK, sagt Gerda Strack vom BKK-Bundesverband. Immerhin können Versicherte und ihre Arbeitgeber durch den Wechsel leicht mehrere hundert Mark im Jahr sparen. So liegen die Beiträge der BKK im Durchschnitt im Westen bei 12,6 Prozent (Ost: 12,7). AOK und Ersatzkassen verlangen dagegen 13,7 Prozent in den alten Ländern, und noch mehr im Osten.

Bereits heute müssen aber die starken Kassen den schwachen helfen: Um Nachteile bei der Mitgliederstrukturen ausgleichen und den Kassen gleiche Startchancen zu geben, hat der Gesetzgeber 1994 den so genannte Risikostrukturausgleich (RSA) eingeführt. Allein 1999 wurden so zwischen den Kassen laut BKK-Bundesverband 23,5 Milliarden Mark umverteilt: Die Mitglieder der Ersatzkassen zahlten 15 Milliarden Mark, die der BKK fünf Milliarden Mark und der IKK knapp 1,9 Milliarden Mark in den Solidartopf. Die AOK bekamen 19 Milliarden Mark.

Nach Ansicht von AOK und Ersatzkassen macht der Finanzausgleich die Nachteile jedoch nicht mehr wett. Die BKK seien im Wettbewerb bevorteilt. So durften BKK neu gegründet werden und sich für Versicherte öffnen. Anders als die AOK und Ersatzkassen unterhalten sie auch kein teures Netz von Geschäftsstellen. Die Verliererkassen drängen daher darauf, den Versicherten den Wechsel zu erschweren und den Finanzausgleich neu zu regeln.

Auch Gesundheitsministerin Andrea Fischer sieht Reformbedarf. Zwar bekennt sich die Grüne zum Wettbewerb zwischen den Kassen, doch es gebe "Verzerrungen". Fischer will aber zunächst Experten hören. Deren Gutachten soll bis März 2001 vorliegen. Erst dann will die Ministerin über weitere Schritte entscheiden. Das ist AOK und Ersatzkassen jedoch zu spät. Sie wollen die Politik bereits in diesem Jahr zum Handeln zwingen.

Ihre Drohung, die Beiträge massiv zu erhöhen, könnte allerdings nach hinten losgehen - und der Konkurrenz noch mehr Mitglieder zutreiben. In der Politik schüttelte man denn über das Vorpreschen von AOK und Ersatzkassen entgeistert den Kopf. Immerhin ist der nächste Kündigungstermin für Pflichtversicherte Ende August nicht mehr weit. Und freiwillig Versicherte können ohnehin jederzeit kündigen und zwei Monate später die Kasse wechseln.
(dpa/MR)