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N A C H R I C H T E N

17.04.2000

Nicht nur Sorgenkinder: Behinderte feiern Erfolg der "Aktion Mensch"

Bonn (Keyvan Dahesch) - "Wenn ich nach einem einjährigen Lehrauftrag in Kalifornien demnächst nach Deutschland zurück komme, gelte ich nicht mehr als ein 'Sorgenkind', sondern als ein 'Mensch'", scherzt Theresia Degener. Sie gehört zu den zahllosen behinderten Menschen, die über viele Jahre für eine Namensänderung der "Aktion Sorgenkind" kämpften und sich jetzt über ihren Erfolg freuen. Unter ihrer neuen Bezeichnung "Aktion Mensch" hat die größte deutsche Behindertenhilfeorganisation nach Angaben ihrer Sprecherin Heike Zirden in Bonn seit dem 1. März 380.000 zusätzliche Abonnenten ihrer Lotterielose gewonnen. "Insgesamt 5,9 Millionen Teilnehmer der Lotterie unterstützen die Aktion", berichtet Zirden.

Die 1961 in Münster/Westfalen als contergangeschädigtes Kind ohne Arme und Hände zur Welt gekommene Theresia Degener, die in Frankfurt am Main und Berkeley Jura studierte und ihre Doktorarbeit mit Zehen in den Computer getippt hat, wertet die Namensänderung als zweiten Etappensieg auf dem Weg zur gesellschaftlichen Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in Deutschland. "Der erste wichtige Erfolg war der 1994 in Artikel 3 Grundgesetz aufgenommene Satz 'Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden'", sagt Degener, die als Professorin an der Fachhochschule in Bochum lehrt.

"Für uns Menschen mit Behinderungen war die Bezeichnung 'Sorgenkind' eine Demütigung", betont sie. Bei ihren Aufenthalten in den USA gehörte sie trotz Schwerstbehinderung überall dazu. "Hierzulande werde ich oft aus den Lokalen hinausgeworfen, weil ich mit den Füßen esse, die bei mir auch die Funktion der Hände ersetzen." "Hätten die Bundes- und Länderregierungen mit Behinderungen geborene Menschen als leistungsfähige Mitglieder der Gesellschaft mit vollen Rechten und Pflichten akzeptiert, wäre der Begriff 'Sorgenkind' nicht entstanden", sagt der Sprecher des "Forums Behinderter Juristinnen und Juristen" und Kasseler Amtsrichter Andreas Jürgens.

Er ist wie sein Zwillingsbruder Gunter, der als Verwaltungsrichter in Kassel arbeitet, wegen Glasknochen (einer Art Bindegewebsschwäche seit früher Kindheit Rollstuhlfahrer. "Durch den Wegfall der Bezeichnung 'Sorgenkind' hoffe ich, als Mensch mit allen guten und schlechten Eigenschaften angesehen zu werden, egal ob ich im Rollstuhl sitze oder beim Laufen wie ein kleines Kind aussehe", sagt Richter Andreas Jürgens. Und der bisherige sehbehinderte Geschäftsführer der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, Ottmar Miles-Paul glaubt, dass die Hilfsbereitschaft der Mitmenschen seit der Bekanntgabe der Namensänderung durch Thomas Gottschalk in seiner Sendung "Wetten dass...?" immer größer wird.
(dpa/MR)
 
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