N A C H R I C H T E N 17.04.2000 Einsamkeit fördert Altersdemenz - Zahl der Betreuungsfälle in Deutschland steigt dramatischStockholm/Freiburg (MEDI-Report) - Mangelnder Kontakt mit der Familie und generelle Einsamkeit erhöhen einer schwedischen Untersuchung zufolge das Risiko für Altersdemenz um 60 Prozent. Wie die Medizinerin Laura Fratiglioni vom Gerontologischen Forschungszentrum in Stockholm am Freitag mitteilte, ist dies das Ergebnis einer Untersuchung in einem Altenzentrum der schwedischen Hauptstadt. Die 1.200 Teilnehmer waren mindestens 75 Jahre alt.Bei der Untersuchung, deren Ergebnisse in der britischen Fachzeitschrift "Lancet" veröffentlicht sind, wollten die Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen familiären sowie anderen sozialen Kontakten und Alterssenilität ermitteln. Von den 1.200 zu Hause lebenden Senioren waren drei Jahre nach Beginn des Projektes 176 an Demenz erkrankt. Sowohl Befragungen wie auch die Untersuchung der Lebensumstände der Betroffenen hätten ergeben, dass "ein ausgedehntes soziales Netzwerk vor Demenz zu schützen scheint", hieß es in einer Mitteilung von "Lancet". Die Bedeutung sozialer Kontakte als Schutz vor Demenz besteht nach Ansicht der skandinavischen Wissenschaftler darin, dass die Alten diese Kontakte als "sinnvoll" empfinden. Fratiglioni erklärte, man wisse nichts über die biologischen Mechanismen hinter der sozialen Stimulation. Die Wechselwirkungen zwischen biologischen, sozialen und anderen Umwelteinflüssen müssten genauer erforscht werden. Weniger Familien, mehr Singles: Zahl der Betreuungsfälle wird dramatisch steigen Die Zahl der erwachsenen Deutschen, die betreut werden müssen, wird nach Expertenschätzungen in den kommenden Jahren dramatisch ansteigen. Derzeit sind es nach Angaben von Thomas Klie von der evangelischen Fachhochschule in Freiburg rund 650.000 Personen. Tatsächlich gebe es aber schätzungsweise drei Millionen Menschen, die auf Grund einer körperlichen oder geistigen Behinderung oder schwieriger sozialen Bedingungen betreut werden müssten. Auf dem 3. badischen Vormundschaftsgerichtstag in Freiburg sagte Klie am Freitag, dass in den kommenden Jahren selbst diese Zahl noch erheblich steigen werde. Betroffen seien vor allem Menschen mit chronisch-psychischen Erkrankungen. Seit 1992 seien die Ausgaben für die Betreuung um das 30fache gestiegen. Unter Berücksichtigung der Altersstruktur werden diese Kosten innerhalb von rund 20 Jahren um das 120fache ansteigen, befürchten die Experten. Mit Blick auf die von der Bundesregierung geplante Strukturreform im Betreuungswesen wurde auf der Tagung die Befürchtung laut, dass die Kosten für die freiwillige Betreuung auf die Kommunen und Kreise abgewälzt werden sollen. Da auch hier die finanziellen Mittel eng begrenzt sind, könne der Standard der Betreuung nicht gehalten werden. (dpa/MR) |