N A C H R I C H T E N

17.04.2000

Schwusos: Keine Entwarnung bei HIV-Infektionen

Stuttgart (dpa) - Keine Entwarnung bei HIV-Infektionen: Der Anteil der mit dem Virus infizierten Frauen wird nach Angaben von Jens Eichenauer vom Bundesvorstand der schwulen und lesbischen Sozialdemokraten immer größer. "Die Prävention ist bei Prostituierten ist noch nicht weit fortgeschritten, zumal viele Freier mehr Geld für Sex ohne Kondom bieten", sagte Eichenauer am Rande des Schwuso-Bundestreffens am Samstag in Stuttgart. Unter den Infizierten befänden sich auch immer mehr Ehefrauen; in vielen Fällen seien sie von ihren Männer nach Sex-Reisen in afrikanische und asiatische Länder mit steigenden Aids-Raten angesteckt worden. "Es ist nicht mehr nur die Schwulen-Szene, sondern die gesamte Gesellschaft betroffen", betonte Eichenauer.

Nach Eichenauers Worten beträgt der Anteil von durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr infizierten Frauen bereits 25 Prozent. Ein weiteres Viertel entfalle auf homo- und bisexuelle Frauen und Männer; ebenfalls je 25 Prozent seien durch Drogenabhängigkeit sowie durch Blutkonserven infiziert. Er wies darauf hin, dass Infizierte zunehmend gegen Wirkstoffe resistent werden, die Aids-Viren hemmen und zeitweilig zurückgehen lassen können. "Leider ist das Aids-Virus relativ intelligent", sagte Eichenauer. Die Mittel für Aids- Prävention dürften nicht reduziert, die Aufklärung an den Schulen müsse verstärkt und lokale Gruppen müssten für ihre Arbeit in der Szene unterstützt werden.

Die rund 50 Teilnehmer an der Bundeskonferenz verabschiedeten eine Resolution für eingetragene Partnerschaften: Darin wird ein "eheähnliches Rechtsinstitut zur rechtlichen Gleichstellung von lesbischen und schwulen Partnerschaften" gefordert. Die Partnerschaften sollten beim Standesamt eingetragen werden. Die Stuttgarter SPD-Bundestagsabgeordnete Ute Kumpf sagte, ein entsprechender Gesetzentwurf einer rot-grünen Arbeitsgruppe im Bundestag werde im Sommer dem Parlament vorgelegt. Hier sei eine Mehrheit zu erwarten. Doch könnten die CDU-geführten Länder im Bundesrat zustimmungspflichtige Teile, die etwa das Beamtenrecht berühren, des Gesetzeswerkes kippen. "Wenn das Gesetz diese Hürde nicht nimmt, dann spalten wir es auf und setzen die nicht zustimmungspflichtigen Teile im Bundestag durch", sagte Kumpf.

Schwule und Lesben könnten nach Kumpfs Prognose dann im Frühjahr kommenden Jahres erstmals eheähnliche Partnerschaften eingehen. Nach den Worten des Sprechers des Arbeitskreises Schwuler und lesbischer Sozialdemokraten in Stuttgart, Manfred Josef Pauli, geht es unter anderem um das Recht Homosexueller, ihre Partner im Krankenhaus zu besuchen, um das Zeugnisverweigerungsrecht, um Erbschaftsrecht und um die Weiterzahlung von Renten. Eine solche Partnerschaft ziehe bei einer Trennung ähnliche Folgen, etwa Unterhaltszahlungen, wie eine Ehe-Scheidung nach sich. "Wir wolle keine Spaß-Ehe, sondern eine Partnerschaft auf Dauer", betonte Pauli.

Nach Paulis Schätzung sind etwa fünf bis acht Prozent der Bevölkerung homosexuell. Etwa zehn Prozent der gleichgeschlechtlichen Paare würden nach seiner Prognose eine eingetragene Partnerschaft anstreben. "Rechtlicher Schutz ist heute dringlicher denn je, weil viele Aids-Kranke von ihren Partnern gepflegt werden und an deren Versorgung interessiert sind", erläuterte er. Lesbische Frauen mit Kindern suchten nach Möglichkeiten, im Todesfall ihren Partnerinnen das Sorgerecht für den Nachwuchs zu übertragen, fügte Pauli hinzu.
(dpa/MR)