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16.04.2000

Tübinger Uniklinik: Neue Wege bei der Frühtherapie von Fehlbildungen

Tübingen (dpa) - Das Tübinger Universitätsklinikum geht neue Wege bei der Frühtherapie angeborener Fehlbildungen. Bei der Behandlung von Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten habe eine medizinische Revolution stattgefunden, berichtete am Samstag Rangmar Goelz, Leitender Oberarzt der Abteilung Neonatologie des Klinikums. "Nach der kieferorthopädischen Behandlung sofort nach der Geburt bleiben nur ganz diskrete Narben im Gesicht zurück", sagte Goelz vor 260 Teilnehmern beim 3. Tübinger Symposium zum Thema "Angeborene Fehlbildungen - von der pränatalen Diagnose zur Therapie".

Auch bei der so genannten Pierre-Robin-Sequenz, einer Unterkieferfehlbildung, bei der die Zunge den Rachenraum verschließt und so der Erstickungstod droht, seien große Erfolge erzielt worden: Eine spezielle Platte wird dabei in den Mundraum eingeführt und an der oberen Zahnleiste befestigt, wobei die Zunge nach vorne verlagert wird. Damit wird das freie Atmen möglich. Mit dieser nur in Tübingen durchgeführten Methode sind nach Goelz Angaben im vergangenen Jahr 15 Patienten neu behandelt worden. Im Bereich der Lippen-, Kiefer- Gaumenspalten zählten die Mediziner 45 neue Patienten, insgesamt werden 500 Patienten wegen Fehlbildungen im Lippen-, Kiefer- Gaumenbereich behandelt.

Voraussetzung für diese Erfolge ist nach Ansicht der Mediziner die Zusammenarbeit der verschiedenen medizinischen Disziplinen bereits vor der Geburt: Dazu gehören Pränatal-Medizin, Genetik, Früh- und Neugeborenen-Medizin, Anästhesie, Kinderchirurgie sowie Geburtshelfer, Hebammen, Kinderkrankenpfleger etc. "Durch die Wahl des optimalen Modus der Geburt und des optimalen Ortes der Entbindung werden die Ergebnisse für kranke Kinder verbessert", so Gunter Mielke, Oberarzt in der Frauenklinik und Leiter der Abteilung Pränatal-Diagnostik. Ausschlaggebend seine dabei die Ultraschalldiagnostik, bessere Geräte sowie gestiegenes Know how.

Im Tübinger Geburtszentrum werden pro Jahr etwa 3.000 Untersuchungen bei Hochrisikoschwangerschaften durchgeführt. 500 Neugeborene, die krank zur Welt kommen, werden dort pro Jahr behandelt, davon etwa 80 Frühgeburten. Behandlungen bereits im Mutterleib werden in 30 bis 50 Fällen durchgeführt, wobei der Fetus entweder über die Mutter medikamentös behandelt wird oder direkt durch eine Nabelschnurpunktion. Dabei werden Medikamente verabreicht oder Bluttransfusionen durchgeführt. Auch Herzrhythmusstörungen und Lungenunterentwicklungen können die Tübinger Mediziner vor der Geburt behandeln. Nach den Worten von Goelz ist die 24. Schwangerschaftswoche der Zeitpunkt, ab dem durchgeführte Behandlungen im Mutterleib Erfolg versprechend sind.
(dpa/MR)