N A C H R I C H T E N 16.04.2000 Gesetzliche Kassen kündigen spürbare Beitragserhöhungen an: Lawinenhafte Entwicklung zu "völlig perversem System"?Berlin/Hamburg (dpa) - Millionen Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen müssen vom nächsten Jahr an mit spürbar höheren Beiträgen rechnen. Die Chefs von AOK- und Ersatzkassen-Verbänden sowie die Vorstandsvorsitzenden von Barmer und DAK kündigten in der "Berliner Zeitung" (Montagausgabe) deutliche Beitragssatzsteigerungen an. "Die Lawine wird nächstes Jahr los getreten", sagte der Chef der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK), Thomas Fruschki. Spätestens 2002 würden viele gesetzlichen Kassen ihre Beiträge "massiv erhöhen".Als Grund wurden Wettbewerbsverzerrungen durch die Neugründungen von Betriebs- und Innungskrankenkassen genannt. Die Betriebskrankenkassen wiesen den Vorwurf zurück, Schuld an der Beitragsmisere zu sein. Auch der Vorstandsvorsitzende des AOK Bundesverbandes, Hans Jürgen Ahrens, rechnete mit steigenden Beiträgen. "Wenn die Entwicklung so weiter geht, wird es Anhebungen geben müssen", sagte er der Zeitung. "Den Kassen reichen die Einnahmen nicht", erklärte der Chef der Barmer Ersatzkasse (BEK), der größten deutschen Krankenversicherung, Eckart Fiedler. Dagegen werden bei der Techniker Krankenkasse (TK) keine Beitragserhöhungen erwogen. "Das steht nicht zur Debatte", sagte eine Sprecherin am Sonntag der dpa in Hamburg. Allerdings habe sich der "Kostendruck keineswegs entspannt", betonte sie zugleich. Grund für die geplanten Beitragssatzerhöhungen sind den Angaben zufolge jene Betriebskrankenkassen, die mit Niedrigstbeitragssätzen zahlungskräftige und gesunde junge Leute umwerben. "Diese Yuppie-Kassen sind das System sprengende Element im Gesundheitswesen", sagte der Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Angestelltenkrankenkassen (VdAK), Herbert Rebscher, der "Berliner Zeitung". Er sieht in der vermehrten Gründung kleiner "virtueller" Kassen den Einstieg in ein "völlig perverses System". Diese Yuppie-Kassen "sind natürlich ein Problem", sagte auch die TK-Sprecherin. Anders als Ersatz- oder Ortskrankenkassen dürfen seit 1996 Betriebs- und Innungskrankenkassen neu gegründet werden und sich auch für Mitglieder außerhalb der ursprünglichen Trägerorganisationen öffnen. Was als Beitrag zum verstärkten Leistungswettbewerb unter den Kassen gedacht war, führt jedoch jetzt nach Meinung von AOK-Chef Ahrens zu einem "ständigen Erosionsprozess" im Kassensystem, bei dem die "Solidarität auf der Strecke" bleibe. Während etwa 30 Prozent aller Versicherten der gesetzlichen Kassen Rente bezögen, betrage der Rentneranteil laut Rebscher lediglich 6,7 Prozent in jenen "geöffneten" Betriebskrankenkassen, die Beitragssätze von unter zwölf Prozent verlangten. "Im Wettbewerb wechseln aber nur Gesunde ihre Kasse", sagte Rebscher. "Die Schwiegermutter mit Mitte 70 bleibt in der AOK." Auch Ahrens warnte: "Das Solidarprinzip geht vor die Hunde." Demnächst werde es "große Kassen mit hohen Beiträgen für Kranke" sowie "kleine Kassen mit niedrigen Beiträgen für Gesunde" geben, befürchtete er. Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums scheinen dem Zeitungsbericht zufolge diesen Trend zu bestätigen. So sei der Überschuss im gesetzlichen Krankenkassensystem überwiegend auf das Konto der Betriebskrankenkassen gegangen, die fast eine Milliarde Mark mehr einnahmen als sie ausgaben. Gleichzeitig hätten geöffnete Betriebskrankenkassen mit Beitragssätzen von unter zwölf Prozent 650.000 neue Kunden werben und so ihre Mitgliederzahl verdoppeln können. Dieser Trend müsse gestoppt werden, forderten die Kassen- Chefs laut Zeitung unisono. BEK-Chef Fiedler sagte, die Beitragssätze seien bislang nur deshalb nicht erhöht worden, weil man dann mit noch größeren Mitgliederverlusten rechnen müsse. Die Sprecherin des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen, Gerda Strack, sagte: "Die Ortskrankenkassen und die Ersatzkassen sollten sich auf Einsparungen konzentrieren statt die Beitragssätze laufen zu lassen und ihre Mitbewerber zu beschimpfen." Mit ihrer Kritik wollten die anderen Kassen von eigenem Versagen ablenken. Günstige Beitragssätze fielen nicht vom Himmel, sondern müssten erarbeitet werden durch qualitativ gute und zugleich wirtschaftliche Betreuung chronisch Kranker. Dazu gehöre eine wirtschaftliche Verwendung von Arzneimitteln und die Vermeidung von überflüssigen Krankenhausaufenthalten. (dpa/MR) |