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13.04.2000

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME): Ein Stich mit der Impfnadel beugt den Folgen eines Zeckenstichs vor

Stuttgart (dpa) - Ein kleiner Stich einer Injektionsnadel schützt vor den möglicherweise schweren Folgen eines Zeckenstichs. Der Präsident des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg (LGA), Volker Hingst, hat am Mittwoch dringend zu Schutzimpfungen geraten. Die von den Blutsaugern übertragene Hirnhaut-, Hirngewebe- und Rückenmarksentzündung (Frühsommer-Meningoenzephalitis/FSME) sei sehr gefährlich.

Die Empfehlung gelte vor allem für Menschen, die sich beruflich oder in ihrer Freizeit viel in Feld, Wald und Flur aufhielten, sagte Hingst. Gegen die ebenfalls von Zecken übertragene Lyme-Borreliose sei zwar keine Impfung möglich, die Behandlungsaussichten seien jedoch gut.

Die Zahl der von Viren übertragenen FSME-Fälle in Baden- Württemberg nahm von 34 Fällen im Jahr 1991 auf eine Höchstzahl von 156 Fällen im Jahr 1994 zu, berichtete Reinhard Kaiser von der Universitätsklinik Freiburg. Seitdem sind - wahrscheinlich wegen der Impfungen - die Zahlen wieder rückläufig bis auf 70 Erkrankungen im vergangenen Jahr. Dabei erkranken Männer ohne ersichtlichen Grund etwa doppelt so häufig wie Frauen.

Von 230 beobachteten Patienten konnte jeder Dritte die Klinik beschwerdefrei verlassen, 42 Prozent hatten vorübergehende Defizite wie Weinkrämpfe oder Gleichgewichtsstörungen. Dauerhafte Beeinträchtigungen wie Hörminderungen und Lähmungen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit blieben bei 24 Prozent; ein Prozent der Kranken starb.

Die Wissenschaft führt die immer noch hohe Zahl der Erkrankungen auf die milden Winter der vergangenen Jahre zurück. Die als Wirtstiere der Zecken dienenden Nager seien nicht in ausreichendem Maße dezimiert worden. Nach dem wieder milden vergangenen Winter rechnet der LGA-Chef auch für diese Saison mit einem vermehrten Auftreten der Tiere.

Sehr viel weiter verbreitet als FSME ist die Lyme-Borreliose, die von Schraubenbakterien weitergegeben wird und mit Antibiotika erfolgreich behandelt werden kann. Während etwa 0,5 bis zwei Prozent der Zecken von FSME befallen seien, liege die Befallsrate für Borreliose bei durchschnittlich 15 Prozent, berichtete Hingst. An einzelnen «hot spots» wurden sogar Durchseuchungsraten von 40 Prozent ermittelt, an stark besuchten Ausflugszielen im Raum Stuttgart 35 Prozent. Bis zu zehn Prozent der Stiche führt zu einer Infektion; Todesfälle sind jedoch nicht bekannt.

Bisher galten die Schwarzwaldtäler, die Regionen um Freiburg, Offenburg, Tübingen, Sindelfingen und das Gebiet am Hochrhein als "klassische" Zecken- und damit Risikogebiete für FSME. Inzwischen haben Blutuntersuchungen an 4.000 Waldarbeitern im ganzen Land ergeben, dass landesweit viele von ihnen Antikörper gegen FSME und Lyme-Borreliose im Körper haben, berichtete der Zeckenexperte Peter Kimmig vom LGA. Diese müssen also auch in bisher als zeckenfrei geltenden Gebieten Kontakt mit den infizierten Schmarotzer-Milben gehabt haben.

Dabei entspricht die Verteilung der Antikörper nicht den tatsächlichen Erkrankungen: So hätten beispielsweise im Kreis Ludwigsburg rund die Hälfte der Untersuchten Antikörper, ohne dass es zu einem einzigen Krankheitsausbruch gekommen sei, sagte Kimmig. Im Durchschnitt der Bevölkerung rechnet der Mediziner mit einem Anteil von zehn bis 15 Prozent.

Die FSME-Impfung wird öffentlich empfohlen, sagte Kimmig. Damit übernimmt das Land die Haftung für eventuelle Impfschäden. Die Kosten tragen die Krankenkassen. Als Vorbeugung empfehlen die Experten auch, in Zecken-Biotopen lange und dicht schließende Kleidung zu tragen und diese gegebenenfalls mit einem Permethrin-Präparat einzusprühen.

Nach der Rückkehr von einem Ausflug sollte der Körper gründlich auf Zecken abgesucht werden: Die Milben kriechen nämlich oft stundenlang über den Körper, ehe sie stechen. Hat sich das Tier erst einmal festgesaugt, kann man es mit einer spitzen Pinzette vorsichtig entfernen - je länger die Zecke fest sitzt, desto größer die Gefahr einer Infektion.

Lexikon: FSME-Erkrankung und Borreliose

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine gefährliche Erkrankung des Zentralnervensystems. Sie verläuft in zwei Phasen. Im ersten Stadium gleicht sie meist einem grippalen Infekt mit Kopfschmerzen, Müdigkeit und erhöhter Körpertemperatur. Nach vier bis 14 Tagen erfolgt dann die schwerwiegende Erkrankung des Nervensystems.

Dabei gibt es unterschiedliche Verlaufsformen: Die Entzündung der Hirnhäute (Meningitis), die meist drei bis fünf Tage dauert, die Infizierung des Hirngewebes (Meningoenzephalitis), bei der es bei langer Krankheitsdauer zu verschiedenen Ausfällen im Gehirn kommt, und die Entzündung des Rückenmarks (Myelitis), die zu Lähmungen führt. Bei diesen drei Erkrankungen können bleibende Folgeschäden wie Lähmungen oder Krampfanfälle entstehen. Nach einer Statistik des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg stirbt ein Prozent der Kranken. Die Schutzimpfung ist gut verträglich.

Die ebenfalls durch Zeckenstich übertragene Lyme-Borreliose ist eine Bakterieninfektion. Sie führt zu Gelenk-, Herzmuskel- oder Nervenentzündungen. Ein Hinweis auf diese Infektion ist eine großflächige Rötung der Zeckenstichstelle nach wenigen Tagen. Sie kann nur mit Antibiotika behandelt werden; eine Schutzimpfung wird wegen der schnellen Wandlungsfähigkeit des Bakteriums noch Jahre auf sich warten lassen.
(dpa/MR)