N A C H R I C H T E N

13.04.2000

Auch am "Tag der Ruhe" litten Millionen Deutsche unter Lärm - nur Stuttgarter Stadtplanungsamt reagierte "promt": "Bevor´s Maul uffmachsch, denk noch!"

Hamburg/Stuttgart (MEDI-Report) - Am "Tag der Ruhe" war es in Deutschland am Mittwoch laut wie eh und je: Doch Experten nahmen den Tag zum Anlass, weniger Verkehrslärm zu fordern und vor Gesundheitsschäden durch Lärm zu warnen.

Zehn Millionen Deutsche müssen nach Untersuchungen des Umweltbundesamts (UBA) in Berlin tagsüber einen Lärmpegel von mehr als 65 Dezibel (mittellaute Musik) aushalten. Eine Dauerbelastung oberhalb davon führe zu gesundheitlichen Schäden bis zum tödlichen Herzinfarkt, sagte Burkhard Reinartz, Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) in Bonn. Bei Kindern verursache Lärm oft Konzentrationsstörungen. Die Deutsche Tinnitus-Liga in Wuppertal warnte auch vor lautem Spielzeug wie Pistolen und Knackfröschen, die frühzeitigen Hörverlust zur Folge haben können.

Der Verkehrsclub forderte ebenso wie der Hamburger Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Tempo 30 als Regel-Geschwindigkeit in Orten. Nach Ansicht des UBA sollte jeder das eigene Lärmverhalten überdenken. Reifengeräusche beim Anfahren und das Aufdrehen von Radio und Fernseher könnten zum Beispiel reduziert werden, meinte UBA-Lärmexperte Hans-Holger Bartel in einem dpa-Gespräch. Die Grünen im bayerischen Landtag protestierten am Mittwoch gegen nächtlichen Fluglärm vom Münchner Flughafen.

Die Pressestelle der Landeshauptstadt Stuttgart, der MEDI-Report den MR-Nachrichtenbeitrag vom 12.04.2000 zum "Tag der Ruhe" früh zugänglich machte, reagierte heute mit folgender Mail: "...von einem Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes, dem wir Ihre Mail-Aussendung zuständigkeitshalber weiter geleitet haben, erhielten wir folgende promte Reaktion: '... Bei uns im schwäbischen Württemberg lautet ein geflügeltes Wort: Bevor´s Maul uffmachsch, denk noch! zu deutsch: Vor Inbetriebnahme des Mundwerks, Gehirn einschalten. Ich würde mich an Herrn Luchmanns Stelle erst einmal als 'Neustuttgarter' um ... den Standort dieser Ämter bemühen und dann über die Ohren und das Taubheitsgefühl von Beamten reden. ein seit 20 Jahren lärmgeplagter Mitarbeiter des Stadtplanungsamts der Landeshauptstadt Stuttgart.' ".

MEDI-Report findet, diese prompte Reaktion ist ein schöner Beleg für die wissenschaftlich belegten Folgen andauernden Lärmes und für das dringende Erfordernis, dem Lärmschutz größere Aufmerksamkeit einzuräumen. Offenkundig ist dem Sprecher des Stadtplanungsamtes - wie diese Reaktion erkennen lässt - bereits schwerer Schaden durch Lärm zugefügt worden. Gerade darum ist den Stuttgarter Baubehörden zu empfehlen, weitere Schäden durch klügere Verwaltungsakte zu verhindern als entsprechende Lärmschutzmaßnahmen über Jahre zu blockieren oder kostenneutrale Angebote zur Lärmminderung zu ignorieren.

Der vom Umweltbundesamt eingeführte "Tag für die Ruhe" dient dem Ziel gesellschaftlicher Gesundheitsvorsorge und soll für die gesundheitlichen Risiken von Lärm sensibilisieren. Das allerdings kann nur Erfolg haben, so lange die sensiblen Nervenzellen noch nicht abgestorben sind. Ob die Stuttgarter Bauämter in dieser Hinsicht noch zu retten sind?
(dpa/MR)

Weitere Informationen zum Thema:
"Tag für die Ruhe": Umweltministerium fordert Lärmschutz - Stuttgarter Bauämter ertaubt? - 12.04.2000
Schwerhörigkeit durch Lärm ist unheilbar: "Tag für die Ruhe und gegen den Lärm" - 07.04.2000