N A C H R I C H T E N 12.04.2000 Vollkommen leer und ausgebrannt: Burnout-Syndrom kann jeden treffenBerlin/Hamburg - Viele Menschen erleben es Tag für Tag, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen: Sie fühlen sich schlapp, Kraftlosigkeit hat sie schon den ganzen Tag niedergedrückt. Sich jetzt noch zu Aktivitäten wie Sport oder Theaterbesuchen aufzuraffen, scheint ihnen nicht mehr möglich zu sein. In Gang kommen sie am nächsten Morgen nur noch mit Hilfe von Aufputschmitteln, und der Job macht schon lange keinen Spaß mehr.So kann es aussehen - das Burnout-Syndrom. "To burn out" heißt übersetzt "ausbrennen" und beschreibt den inneren Zustand der Betroffenen, die depressiv verstimmt sind, schnell ermüden oder vereinsamen, sagt Ralf Wegner vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin in Hamburg. Unbehandelt kann Burnout zu schweren Depressionen, körperlichen Erkrankungen oder zur Abhängigkeit von Suchtmitteln führen. Die Betroffenen sind am Ende häufig überhaupt nicht mehr in der Lage zu arbeiten, werden arbeitslos oder gehen früh in Rente. Zunächst wirkt alles meist ganz harmlos: Wer sich eine Woche lang schlapp fühlt, keine Lust hat, zur Arbeit zu gehen und allgemein lustlos ist, muss zwar noch lange nicht unter dem Burnout-Syndrom leiden - es kann aber der Anfang sein. "Meistens wird so etwas erst rückblickend erkannt", sagt der Psychologe Matthias Burisch, Privatdozent am Psychologischen Institut der Universität Hamburg. Der Prozess der Erkrankung sei oft schleichend und langwierig und werde unterbrochen von Phasen, in denen es den Betroffenen besser geht. Die Symptome des "Ausbrennens" können anfangs häufig noch eine Zeit lang unterdrückt werden. Doch je länger der Zustand andauert, desto schwieriger wird es, die Belastung auszugleichen - der Gang zum Psychologen oder Psychiater wird unausweichlich, so Ralf Wegner. Drei bis vier Kernsymptome nennt Matthias Burisch: Emotionale Erschöpfung kann dazu führen, dass im Alltag keine Höhen und Tiefen mehr erlebt werden, sondern Gleichgültigkeit vorherrscht. Körperliche Erschöpfung kommt hinzu: "Viele Patienten beschreiben das Gefühl, mit immer mehr Energieaufwand immer weniger zu erreichen", sagt Burisch. Die Distanzierung von anderen Menschen führt parallel dazu zu Vereinsamung, aber auch dazu, dass etwa Ärzte nur noch von "der Niere auf Zimmer 17" sprechen. Oft werde außerdem ein Gefühl von Überdruss beschrieben. Ausprägung und Verlauf der Erkrankung sind individuell verschieden und hängen stark von der Person und ihrem Umfeld ab. Von Burnout-Syndrom gefährdet sind keinesfalls nur Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten. "Das ist ein weit verbreiteter Mythos und in vielen Büchern immer noch anzutreffen", sagt Burisch. Auslöser sei vielmehr auch in anderen Berufen meist eine "Fallen-Situation", in der man gefangen sei, ausgelöst etwa durch eine Beförderung, den Berufseinstieg oder einen Jobwechsel. Dabei können neben Über- auch Unterforderung und falsche Erwartungen zu Burnout-Stress führen. Im späteren Verlauf setzen etwa Ermüdung und Frustration ein, zum Ende hin kommt es zu Resignation oder besonders ausgeprägtem Zynismus. Häufig wird die Burnout-Situation so lange ignoriert, bis erste körperliche Beschwerden auftreten. Dazu gehören psychosomatische Erkrankungen, etwa Herzprobleme, Magen- oder Darm-Beschwerden, Muskelverspannungen oder Bandscheibenprobleme, sagt Wegner. Erst dann suchen viele Betroffene einen Arzt auf. Über diesen Umweg, oder über den eines Eheberaters, wenn die Beziehung in die Brüche zu gehen droht, kommen viele Burnout-Syndrom-Patienten zu Psychologen oder Psychiatern. Schwierigkeiten haben allgemein Menschen, die ihre Probleme schwer ausdrücken können, sagt Professor Dieter Kleiber vom Institut für Psychologie an der Freien Universität Berlin. In der Regel erhielten solche Menschen kaum Reaktionen auf ihren Alltag, weder privat noch im Job. "Das Klima am Arbeitsplatz und die Art, wie die Kollegen miteinander umgehen, ist zur Vorbeugung besonders wichtig", sagt Kleiber. Viele Firmen haben das erkannt und versuchen durch entsprechende Angebote, Mitarbeiter vor dem Burnout zu schützen. So können etwa Betriebskindergärten allein erziehenden Frauen helfen, leichter mit der durch Beruf, Kind und Haushalt verursachten Mehrfachbelastung fertig zu werden. In Weiterbildungsseminaren von Unternehmen sollen Mitarbeiter die Möglichkeit erhalten, Bilanz zu ziehen, sich mit Perspektiven zu beschäftigen - oder einfach "nur" kreativ zu sein oder durch Meditation vom Arbeiten abzuschalten. In der Krankenpflege seien Besprechungen in der Gruppe weit verbreitet, bei der auch Burnout-Probleme diskutiert werden können, sagt Franz Wagner vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe in Eschborn bei Frankfurt. Ärzte wiederum können sich regelmäßig in sogenannten Balint-Gruppen zusammenfinden, in denen über ihre persönlichen Schwierigkeiten in der Arzt-Patient-Beziehung gesprochen wird. Sich selbst helfen könnten Betroffene bereits dadurch, dass sie ihre Situation erkennen und analysieren, sagt Matthias Burisch. Oft steckten betroffene Menschen aber in einer Panik-Situation und können sich selbst auch nicht helfen. Dann seien Menschen aus dem Bekanntenkreis gefragt, mit denen das Problem besprochen werden kann. Auch Supervision am Arbeitsplatz sei prinzipiell sehr positiv, so der Psychologe. Bei diesen Maßnahmen, die Gruppenarbeit voraussetzen, gebe es aber das Problem, dass die Betroffenen häufig Einzelgänger sind und mit ihren Schwierigkeiten lieber allein bleiben. Da es auch keine Anlauf- oder Beratungsstellen für Betroffene gebe, bleibe dem Leidenden häufig nur "der Blick in die Gelben Seiten", um so professionelle Hilfe in einer Einzelberatung zu finden, sagt Burisch. (gms/MR) |