N A C H R I C H T E N

12.04.2000

Wenn die Luft ausgeht: Immer mehr Kinder leiden unter Asthma

Ludwigsburg/Herborn (Sabine Försterling) - Für die meisten Menschen ist es eine Selbstverständlichkeit, genug Luft in ihre Lungen zu bekommen. Doch bei immer mehr Kindern und Jugendlichen ist das anders - sie leiden unter Asthma. "In der industrialisierten Welt ist heute jedes zehnte Kind von Asthma bronchiale betroffen", sagt Roland Wönne, Chefarzt am Clementine-Kinderhospital in Frankfurt/Main. Vor 40 Jahren trat Asthma dagegen nur bei zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen auf.

Die Ursachen für die Entwicklung sieht der Allergologe Wönne im "modernen Lebensstil". Dabei leiden nicht nur die Kinder selbst unter den Asthma-Attacken: Für Eltern ist es oft quälend mit anzusehen, wenn ihre Sprösslinge mit angstvoll weit geöffneten Augen nach Luft ringen. Jedes Röcheln aus dem Kinderzimmer lässt sie nachts hoch schrecken. Aus Sorge neigen Mutter und Vater dazu, ihren Nachwuchs "unter die Glasglocke" zu stecken. "Asthmakinder" sollten aber so viel wie möglich am normalen Kinderalltag teilnehmen, raten Experten. So können sie sogar unter gezielter Anleitung Sport treiben.

Der "Peak flow" - ein Gerät zur Messung der Lungenfunktion - ist für den sechsjährigen Carsten ständiger Begleiter. Bei ihm traten schon im Säuglingsalter die ersten Anfälle auf. Der Junge leidet unter allergischem Asthma: Er reagiert nicht nur auf Pollen, Staub und Staubmilben, sondern auch auf Nahrungsmittel wie Milch, Eier, Soja und Nüsse. Bei mindestens 75 Prozent aller asthmakranken Kinder sind solche Allergien ein Mitverursacher der Krankheit, sagt Wönne.

Der Erkrankung liegt eine gesteigerte Empfindlichkeit der Luftröhre und der Bronchien zu Grunde. Diese kann durch Infekte der Atemwege verursacht und gesteigert werden: Es kommt zur Schädigung der Schleimhaut und Reizung der so genannten Hustenrezeptoren. Wenn bei Allergieneigung noch eine erhöhte Anzahl von Infekten hinzukommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Asthma die Folge ist.

Für Eltern ist es eine zermürbende Erfahrung, wenn die Attacken regelmäßig nachts auftreten. Im Schlaf kommt es zu einer natürlichen Verengung der Bronchien. Dadurch wird das Atmen zusätzlich erschwert. Aus diesem Grund sind laut Thomas Kauth, Kinderarzt in Ludwigsburg, Klein- und Schulkinder stärker als Erwachsene gefährdet, da bei ihnen die Bronchien enger sind. Bei Anfällen wird der Weg der Luft durch Schleimhautschwellung, Schleimabsonderung und einen Bronchialkrampf eingeengt. Die Verengung verstärkt sich bei jedem Ausatmen. Als Folge füllt sich die Lunge zunehmend mit alter, verbrauchter Luft, sie bläht sich auf und jeder neue Atemzug wird immer schwerer möglich.

Der "moderne Lebensstil", den Roland Wönne als verantwortlich für die zunehmende Zahl der Asthmaerkrankungen bezeichnet, ist in seinen Augen unter anderem durch industriell aufgearbeiteten Nahrungsmittel mit Konservierungs- und Geschmacksverstärkern gekennzeichnet, die zu vermehrten allergischen Reaktionen führten. Auslöser für Infekte und Allergien sei zudem weniger die Schadstoffbelastung der Außenluft, sondern vor allem die Luft in den Innenräumen: Moderne Häuser seien versiegelte Systeme mit Zentralheizung, Teppichböden und doppelt verglasten Fenstern - und damit ideale Brutstätten für Staubmilben.

Für Thomas Kauth liegt noch mehr in der Luft: Zigarettenrauch zwinge Kinder zum passiven Rauchen. Auch die höheren Ozonwerte und der zunehmende Pollenflug seien Ursachen für die Asthma-Häufigkeit.

Der Wecker klingelt um sieben Uhr. Aufstehen, anziehen, Peak flow inhalieren und dann ein Frühstück ohne Milch, Farb- und Konservierungsstoffe. So sieht zum Beispiel der Alltag von Susanna Beaury aus Hofheim aus. Sie gehört einer Selbsthilfegruppe der Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind (AAK) in Herborn an. Asthmakranke Kinder krempeln das gesamte Familienleben um: Es gibt keinen Teppichboden, nur leicht waschbare Gardinen, keine Haustiere, spezielle Bettbezüge und die Angst als ständigen Begleiter.

Bei etwa 80 Prozent der Asthmakinder kommt es bei körperlicher Belastung zu Atemnot - was aber nicht heißt, das Sport tabu ist. Seit sechs Jahren gibt es zum Beispiel beim MTV Ludwigsburg eine spezielle Asthma-Sportgruppe. Hier lernen die Kinder Selbsthilfetechniken und das richtige Einschätzen ihrer Leistungsfähigkeit. Die Sportstunde ist in Ruhe- und Bewegungsphasen gegliedert. Zuvor müssen alle in ihr Lungentestgerät blasen - die Vorsichtsmaßnahme wird so zur täglichen Gewohnheit. Sport und Spiel tragen auch bei Asthmakindern wesentlich zu einer normalen Entwicklung der Organe und des Bewegungsapparates bei. Kinderarzt Thomas Kauth, der die Gruppe in Ludwigsburg betreut, ist stolz darauf, dass "Ehemalige" mit Asthma jetzt in einer ganz normalen Handballgruppe spielen.

Ein Asthmakind muss nicht ständig im Auge behalten werden. Dies müssen Eltern lernen. So gibt es für sie Schulungen, die von Ärzten und Krankenkassen vermittelt werden. Die Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind (AAK) hilft mit Broschüren und Adressen von Selbsthilfegruppen: Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind, Nassaustraße 32, 35745 Herborn (Tel.: 02772/928 70, www.aak.de).
(gms/MR)