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12.04.2000

"Tag für die Ruhe": Bundesumweltministerium ruft zu Anstrengungen gegen Lärm auf - Stuttgarter Bauämter ertaubt?

Köln/Berlin/Stuttgart (MEDI-Report) - Der "Tag für die Ruhe" soll an diesem Mittwoch in Deutschland die alltäglichen Lärmbelästigungen ins Bewusstsein rufen. "Lärm stört, Lärm belastet, Lärm macht krank", sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Gila Altmann, am Dienstag in Köln. Verkehrslärm sei nach wie vor die "bedeutendste Lärmquelle in Deutschland". Altmann rief zu gemeinsamen Anstrengungen gegen Lärmbelastungen auf. Nach Angaben des Umweltbundesamtes trägt jeder sechste Deutsche durch Verkehrslärm ein leicht erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen.

Rund 35 Prozent der Bundesbürger leben nach Einschätzung von Prof. Rainer Guski von der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA) unter "unerträglichen Bedingungen", bei rund 15 Millionen Menschen gefährde Lärm die Gesundheit. Am dritten deutschen "Tag für die Ruhe" solle deshalb von 14.15 Uhr an für 15 Sekunden bundesweit absolute Ruhe herrschen. In den USA habe sich der "Tag für die Ruhe" ("Noise Awareness Day") seit mehreren Jahren durchgesetzt, sagte Guski. Mit bundesweiten Aktionen will die DEGA an diesem Mittwoch auf Möglichkeiten der Lärmminderung aufmerksam machen.

Autos stellen in den Städten die größte Lärmquelle dar, obwohl die Geräuschpegel von Straßenfahrzeugen seit den 70er Jahren EU-weit reglementiert sind. Schienenlärm lässt sich nach einer UBA-Studie mit einfachen Mitteln am Fahrzeug um bis zu 90 Prozent mindern. Damit könnten Schallschutzwände überflüssig werden.

Die Redaktion MEDI-Report, an einer lauten Straße gelegen, wird am "Tag der Ruhe" des besonders sanft ruhenden Bauamtes und Stadtplanungsamtes der Stadt Stuttgart gedenken. Auf dem Ohr der Lärmminderung sind die Beamten offenbar schon ertaubt - das Angebot des Hauseigentümers, ohne städtische Kosten eine begrünte Schallschutzwand zu errichten, überhören sie seit Jahren.

Disko-Krach kann taub machen - Gehörschäden nehmen zu

Disko-Krach kann ohrenbetäubend sein. "Die Folge von zu lautem und zu langem Hören können taube Ohren, Ohrensausen und im schlimmsten Fall ein unumkehrbarer Hörschaden sein", warnte der Präsident des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg (LGA), Volker Hingst, am Dienstag in Stuttgart. Schon heute nähmen Gehörschäden bei Kindern und Jugendlichen zu. Am Mittwoch findet bundesweit der "Tag für die Ruhe - Gegen Lärm" statt.

Stundenlanges lautes Hören mit einem Walkman kann für das sensible Gehör ebenfalls zum Stress werden, sagte Hingst. Hörschäden entstünden auch durch Impulslärmquellen wie Computerspiele, Kinderpistolen oder Knallfrösche. Diese seien sogar noch risikoreicher, da wegen der Kürze die tatsächliche Lautstärke subjektiv gar nicht wahrgenommen werde.

Bei "Freizeitlärm in Innenräumen" beginne das Risiko von Gehörschäden mit 85 Dezibel, warnte der LGA-Chef. "Und bei spätestens 100 Dezibel hört die Gemütlichkeit auf." Während der Lärmpegel am Arbeitsplatz bis ins Detail geregelt sei, fehle es im Freizeitbereich an entsprechenden Grenzwerten. "In den Diskotheken erreicht der durchschnittliche Schallpegel zwischen 92 und 111 Dezibel." Eine Befragung von 347 Berufsschülern habe ergeben, dass fast 60 Prozent regelmäßig Musik von 85 Dezibel und mehr hörten.

Staatssekretärin Johanna Lichy vom Sozialministerium sieht auch in dem zunehmenden Verkehrslärm ein gesundheitliches Risiko. Über zwei Drittel der Bevölkerung fühlten sich dadurch belästigt. Verschiedene Untersuchungen gäben Hinweise darauf, dass chronische Lärmbelastung neben Schlafstörungen und Minderung der Leistungsfähigkeit auch Herz- und Kreislauferkrankungen verursachen könne. So werde vermutet, dass bei ständigen Lärmbelastungen über 65 Dezibel das Herzinfarktrisiko ansteige, sagte Lichy.

An vielen Gesundheitsämtern des Landes würden in den kommenden Wochen die Jugendlichen gezielt über die Gefahren zu lauter Musik aufgeklärt, kündigten der LGA-Chef und die Staatssekretärin an. Geprüft werde auch die Möglichkeit einer verbindlichen Regelung zur Lärmbegrenzung in Diskotheken, sagte Lichy.
(dpa/MR)

Weitere Informationen zum Thema:
Schwerhörigkeit durch Lärm ist unheilbar: "Tag für die Ruhe und gegen den Lärm" - 07.04.2000