N A C H R I C H T E N 31.03.2000 Craig Venter: Arzt, Molekularbiologe, Unternehmer und geniales Enfant terrible der GenforscherNew York (Gisela Ostwald) - Kein Forscher der Welt hat so viele Gene "geknackt" wie Craig Venter. Er hat als erster das Erbgut eines Organismus komplett entschlüsselt. Von jenen, die folgten, stammt knapp jedes zweite aus seinem Labor. Jetzt ist der 52-jährige Molekularbiologe dabei, das Erbgut des Menschen aufzudröseln. Die Sequenz will er bis zum Sommer vorlegen.Venters Erfolge schockieren und verärgern viele in der Welt der Wissenschaften. Der 52-jährige ist zwar brillant, aber ein Außenseiter. Als Gründer des privaten Instituts für Genomforschung "TIGR" hat er sich mit der Jagd nach Genen eine goldene Nase verdient. Als erstes schlüsselte er die Gene des Grippevirus Haemophilus influenzae (1995) auf. Auch das Erbgut des Bakteriums Helicobacter pylori, Ursache der meisten Magengeschwüre, und das des Syphilis-Erregers, wurden durch ihn bekannt. Jetzt führt seine Frau Claire Fraser, ebenfalls eine bekannte Molekularbiologin, das Unternehmen "TIGR". Venter selbst drischt als Geschäftsführer der neuen Firma Celera Genomics in Rockville (Maryland) nur noch menschliches Erbgut durch superschnelle Maschinen, um als erster den Bauplan des Homo sapiens zu erstellen. Das Wort "Celera" heißt im Lateinischen "schnell" oder "eilig". Mit Bruchteilen der Kosten kommt Venter eher ans Ziel, als der gewaltige Apparat der von Steuern finanzierten Genomforscher. Der Kontrast ist frappierend: Venter arbeitet mit einem Team von 300 Mann und einigen Millionen Dollar aus der privaten Industrie. Das staatlich geförderte Human-Genom-Projekt, schluckte bis 1999 drei Milliarden Dollar (sechs Milliarden Mark) und bindet Genforscher weltweit mit ein. Unter dem Druck seiner Geldgeber, aber sicher auch aus eigener Motivation, hat Venter einige der viel versprechendsten Gene patentieren lassen - oder dies zumindest beantragt. Das bringt ihm den Vorwurf ein, nur aus Profitgier zu forschen. Es schürt zudem die Angst, Venters Gruppe könne einmal kritische Bereiche der Medizin kontrollieren und Fortschritte auf breiter Front blockieren. Unkonventionell und ungeduldig war der gebürtige Kalifornier schon immer. In der Schule gab es nichts als Probleme. Craig weigerte sich, Klassenarbeiten zu schreiben, und wurde wegen mangelnder Disziplin ständig zur Räson gerufen. Er brachte seine Eltern weiter zur Verzweiflung, als er schließlich das Nichtstun am südkalifornischen Pazifik einer Ausbildung vorzog. Venter surfte und segelte drei Jahre lang, bis ihn der Vietnamkrieg einholte und mit einer anderen Realität konfrontierte. Als Sanitäter im Hospital der US-Navy in Danang verarztete Venter verwundete Landsleute - einmal, während der Tet-Offensive, fünf Tage am Stück. "Vietnam hat ihn geändert", sagt seine Frau. "Es hat ihm den Gedanken eingeprägt, dass Zeit wertvoll ist, dass jede einzelne Minute jedes einzelnen Tages zählt". Aus dem Krieg zurück, beschloss er, Arzt zu werden und in der Dritten Welt zu arbeiten. In nur sechs Jahren absolvierte er das Studium, veröffentlichte eine Reihe von Arbeiten und promovierte. Statt in die Arztpraxis zog es ihn dann aber ins Labor. Jahrelang entschlüsselte er mühsamst Gene "per Hand", wie er sagt. Und zwar bei jenen Nationalen Gesundheitsforschungsinstituten - NIH - in Bethesda (Maryland), die er inzwischen mit seinem "Schnellschussverfahren" so hoffnungslos ausgestochen hat. James Watson, Nobelpreisträger und Entdecker der Erbgutstruktur, quittierte Venters erste maschinell erstellte DNA-Sequenzen als Arbeit, die "jeder Affe" schaffen würde. Das war 1986. Noch heute zählt Watson zu den schärfsten Kritikern jenes Mannes, der nach Meinung vieler bald in seine Fußstapfen treten und einen der nächsten Nobelpreise für seine Genomforschung erhalten könnte. |