N A C H R I C H T E N 31.03.2000 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft: Erbgut-Entschlüsselung revolutioniert BiologieMünchen/Hamburg (dpa) - Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts wird die Biologie revolutionieren. Sie biete Forschungsbedarf für die nächsten 100 Jahre, sagte Prof. Ernst Ludwig Winnacker, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in einem dpa-Gespräch. Es sei für die Biologie und die Medizin eines der wichtigsten wissenschaftlichen Projekte, um die Funktion der aus Genen abzuleitenden Eiweiße zu verstehen und Wissen über Zellen und Organe zu gewinnen.Als das Vorhaben 1986 entworfen wurde, sei dies ein "kühner Gedanke" gewesen, sagte Winnacker. Damals hätte es mit den verfügbaren Methoden 12.000 Jahre gedauert, das Genom zu entziffern. Dafür hätten alle Forscher der Welt pausenlos an dem Projekt arbeiten müssen. Durch die computerunterstützten Analysemöglichkeiten sei die endgültige Entschlüsselung des menschlichen Erbguts durch staatliche Forschungseinrichtungen bis spätestens 2001 zu erwarten. Private Unternehmen wollen bereits Mitte dieses Jahres eine erste Version des menschlichen Genoms veröffentlichen. Die Öffentlichkeit hat nach Auffassung Winnackers ein Recht darauf, dass die Ergebnisse der Genom-Forschung veröffentlicht werden. Würden Einzelergebnisse zurückgehalten, wäre dies ein großer Schaden für die Forschung. Eine Verschärfung des Patentverfahrens und die Verpflichtung, patentierte Sequenzen zu publizieren, verhindere eine "Erbgut-Monopolisierung". Durch die Entschlüsselung der menschlichen Erbanlagen sei der "gläserne Mensch" zwar denkbar, dies hat jedoch nach Winnackers Auffassung wenig Sinn. Vielmehr sei die Kenntnis der Gensequenzen nützlich bei der Entwicklung neuer Arzneimittel oder bei der Verbrechensbekämpfung zur Überführung von Tätern. Für Eltern biete das neue Wissen die Möglichkeit, schon vor der Geburt des Kindes zu erfahren, ob ein Defekt für eine schwere Erbkrankheit vorliege. Ein Eingriff in die menschliche Keimbahn zur Behebung solcher Erbdefekte ist per Gesetz verboten. Er persönlich stehe voll hinter dieser gesetzlichen Regelung, sagte Winnacker. Die Gesellschaft werde sich aber in Zukunft klar werden müssen, wie weit sie bereit sei, in dieser Frage zu gehen. "Es kann auch verwerflich sein, nicht zu handeln." Lexikon: HGP - Mammut-Projekt zur Entschlüsselung menschlicher Erbinformation Die Analyse des gesamten menschlichen Erbguts ist das Ziel des Human-Genom-Projekts (HGP), einer weltweiten Initiative amerikanischen Ursprungs. Die Forscher möchten dabei die drei Milliarden Bausteine des menschlichen Genoms entschlüsseln, rund 100.000 Gene identifizieren und ihre Funktion durchschauen. Die ursprünglichen Planungen von 1990 sahen den Abschluss des Projektes im Jahr 2005 vor, die komplett entschlüsselten Bausteinfolgen (A,T,C,G) des menschlichen Genoms sollen nach neuesten Angaben nun bereits 2001 vorgelegt werden. Das entschlüsselte Erbgut wird nicht von einem einzigen Menschen sondern von mehreren stammen. Erster wissenschaftlicher Leiter des HGP war der Nobelpreisträger James Watson, einer der beiden Wissenschaftler, die 1953 erstmals die molekulare Architektur der Gene erkannten. Die unabhängige, internationale Koordinierungsstelle, die Human-Genom-Organisation (HUGO), hat nach eigenen Angaben etwa 1.000 Mitglieder aus mehr als 50 Ländern. Hauptfinanzier des Programms sind die USA. Größere Programme laufen zudem außer in Deutschland auch in Australien, Brasilien, China, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Israel, Italien, Japan, Korea, Mexiko, den Niederlanden, Russland und Schweden. Deutschland hat sich dem Projekt erst relativ spät (1996) angeschlossen, im Jahr 1999 standen 40 Millionen Mark für die Forschung zur Verfügung, verglichen mit rund 730 Millionen Mark in den USA. Nach den Planungen soll Deutschland einen Anteil von sieben Prozent bearbeiten. Geforscht wird im Rahmen des HGP unter anderem am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, dem Max-Delbrück-Zentrum in Berlin, Max-Planck-Instituten in Leipzig, Freiburg und Göttingen, sowie den Universitäten Münster, Tübingen, Frankfurt, Jena, Mainz und Würzburg. |