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31.03.2000

Der patentierte Mensch: Wettlauf um das Erbgut kurz vor dem Ziel

New York/München (Gisela Ostwald) - Die Entschlüsslung des menschlichen Erbguts legt immer mehr an Tempo zu. In wenigen Tagen oder Wochen will das Human-Genom-Projekt (HGP) eine Blaupause mit 90 Prozent der drei Milliarden Buchstaben im Erbtext des Menschen präsentieren. Den kompletten Satz versprechen die Forscher für 2001, vier Jahre früher als ursprünglich geplant.

Weitsicht und Ehrgeiz hat das Rennen um die Fertigstellung des Erbguts beflügelt - und die Aussicht auf erkleckliche Profite. Private Unternehmen - an der Spitze Celera Genomics um Craig Venter - drohen, dem Human-Genom-Projekt den Sieg noch kurz vor dem Ziel streitig zu machen.

Venters Erfolg basiert vor allem auf superschnellen Maschinen, die trotzdem relativ genau arbeiten. Nach anfänglich starken Bedenken nutzen einige HGP-Zentren diese Sequenzieranlagen nun selbst, um mit Venter Schritt zu halten. Celera, ein Partner des Maschinenherstellers Perkin Elmer Corporation, hielt nach Insider-Gerüchten lange den Daumen auf die Auslieferung der Maschinen an den Konkurrenten HGP - und baute damit seinen Vorsprung aus.

Nach Auskunft einer Celera-Sprecherin will Venter das menschliche Genom bis zu diesem Sommer zu 100 Prozent sequenziert haben. Dass ihm das gelingen könnte, wird weniger bezweifelt, seit Forscher von Celera und der Berkeley Universität in Kalifornien Mitte März das Genom der Fruchtfliege Drosophila melanogaster in "Science" veröffentlichten.

Es ist das komplexeste Erbgut, das bisher aufgedröselt wurde, und gilt als Meilenstein auf dem Weg zur Entschlüsselung der Erbgut-Folge des Menschen. Dabei hatte Venter sein Unternehmen erst vor zwei Jahren gegründet. Es operiert mit weniger als einem Drittel des Personals und einem Bruchteil der Kosten des Human-Genom-Projekts. Allerdings bediente es sich immer freizügig der - kostenlosen - Daten der HGP-Forscher.

Fast gemächlich hatten die staatlichen Forscher 1990 mit der Entschlüsselung der rund 100.000 Gene und der vielen zusätzlichen noch unverstandenen Sequenzen in jeder Zelle des Menschen begonnen. Damals war klar, dass das komplexe Genom-Projekt vorwiegend aus dem Staatssäckel finanziert werden sollte.

Drei Milliarden Dollar (sechs Milliarden Mark) sind bis 1999 in das Projekt geflossen, das inzwischen rund 1.000 Spezialisten aus mehr als 50 Ländern betreiben. Ungeachtet eigener Kosten stellt das Human-Genom-Projekt seine wertvollen Daten frei über das Internet zur Verfügung. Immerhin sei es "das Buch des Lebens", sagt Francis Collins, Chef des US-Institutes für Genomforschung.

Da inzwischen hohe Gewinne locken, versucht neben Cerlera Genomics auch eine wachsende Zahl anderer Biotechnik-Firmen, sich das genetische Erbe des Menschen zu Eigen zu machen. Anders jedoch als das HGP halten sie ihre Daten unter Verschluss. Incyte Pharmaceuticals in Palo Alto (Kalifornien) zum Beispiel hat bereits 375 Gene patentieren lassen und das Patent für weitere 6.500 beantragt.

Firmen, die Incytes Datenbank einsehen und deren Informationen zur Entwicklung eines Medikaments nutzen, müssen Incyte an ihrem Profit beteiligen. William Haseltine vom Unternehmen Human Genome Sciences, einem anderen Marktführer, hält zehn Prozent für angemessen. Diese Firma (HGS) hatte den Wert ihrer Aktien erst kürzlich um 41 Prozent in die Höhe getrieben, als sie verlauten ließ, sie habe das Patent für ein Gen zur möglichen Aidsvorbeugung bekommen. HGS verschwieg laut "Wall Street Journal", dass auch andere Anspruch auf ein Patent für dieses Gen erheben.

Europäer verärgert, dass es in Amerika ein Patent auch dann gibt, wenn die Funktion eines Gens noch nicht bekannt ist oder sogar nur Gen-Fragmente vorliegen. Selbst US-Präsident Bill Clinton und seinem britischen Kollegen Tony Blair wurde es kürzlich zu bunt. Gemeinsam ermahnten sie die Biotech-Industrie, sie solle wie das Human-Genom-Projekt zum Wohl der Forschung wenigstens ihre Rohdaten aufdecken und nicht gleich patentieren lassen.

Run auf Gen-Patentanmeldungen in vollem Gang

Noch vor der endgültigen Entzifferung der menschlichen Erbinformation (Genom) hat der Ansturm auf die Patentierung von Genen längst begonnen. Von den rund 100.000 menschlichen Genen seien bereits etwa 20 Prozent weltweit patentiert, sagte der Leiter der Patent- und Lizenzagentur im deutschen Humangenomprojekt (München), Christian Stein, in einem dpa-Gespräch. Der Biotechnologiebereich habe die höchsten und schnellsten Wachstumsraten bei allen Patentämtern der Welt. Die internationale Pharmaindustrie sei auf die Patentierung von Genen angewiesen.

Für den Patentschutz gelten drei Grundsätze: die Neuheit, der erfinderische Wert und die gewerbliche Anwendung des zukünftigen Patents, sagte Stein. Aus diesen Gründen liege es im Interesse der Biotechnologie, Gensequenzen möglichst früh anzumelden. Dies erstrecke sich auch auf Gene, die erst auf dem "Reißbrett" entworfen seien. Eine Patentanmeldung sei auch dann gültig, wenn sie ein vollständiges Gen mit dem zugehörigem Protein umfasse und eine voraussehbare (putative) Anwendung beschrieben sei.

Der Patentschutz läuft über 20 Jahre und kann um maximal drei Jahre verlängert werden. Bei der ersten, nationalen Patentanmeldung fallen rund 10.000 Mark Gebühren an. Für die Anmeldung und Erhaltung eines internationalen Patents summieren sich die Gebühren auf rund 250.000 Mark, wenn das Patent nicht angegriffen werde, sagte Stein. Bei Anfechtungen würden Kosten in Millionenhöhe anfallen.

Für Stein müsste grundsätzlich auch ein Verfahren patentierbar sein, mit denen in die menschliche Keimbahn eingegriffen werde. "Es ist nicht Aufgabe des Patentrechts, die ethische Anwendung eines Patents zu regulieren", sagte Stein. Ein Patentverbot gelte nur, wenn die Erfindung "moralisch verwerflich" sei. Die Patentämter hätten sich aber freiwillig bereit erklärt, Patente, die die menschliche Keimbahn betreffen, nicht zuzulassen. Es stelle sich jedoch die Frage, ob so ein Patentschutz nicht doch gewährt werden müsste, wenn Leben gerettet werden könne, sagte Stein.