N A C H R I C H T E N 31.03.2000 Der entschlüsselte Mensch: Chancen und Risiken der GentechnikHamburg (Simone Humml und Anette Hornung) - Der genetisch durchleuchtete Arbeitnehmer, das Baby mit Intelligenz-Genen von Albert Einstein und schließlich die Erschaffung eines Menschen wie in der "Rocky Horror Picture Show" - beim Schlagwort Gentechnik blüht die Fantasie der Autoren auf. Viele Wissenschaftler bezweifeln dagegen, dass es jemals dazu kommen kann, und auch bis zum medizinischen Nutzen ist es noch ein langer Weg.Wenn ein internationaler Zusammenschluss staatlicher Forscher in diesem Frühjahr eine grobe Skizze von 90 Prozent des menschlichen Erbgutes präsentiert, kennen die Teams nicht viel mehr als die Buchstaben eines Textes in fremder Sprache. Viele Vokabeln sind schon bekannt: etwa Gene für Erbkrankheiten oder ein erhöhtes Brustkrebsrisiko. Im Wettlauf mit Biotech-Firmen suchen die Forscher des "Human-Genom-Projektes" nun aus einer langen Reihe von Erbgutsbausteinen die insgesamt rund 100.000 Gene, ermitteln ihre Funktion und erforschen das Zusammenspiel der darin codierten Eiweiße. Und selbst mit dem Wissen um Krankheiten auslösende Gene ist ein gentechnischer Eingriff oder gar eine Heilung noch weit entfernt. Zwischen Hoffnung und Skepsis schwanken die Selbsthilfe-Verbände derjenigen Erbkranken, deren Krankheitsursachen bereits seit Jahren bekannt sind. Vor allem die Gentherapie, bei der neue Gene in Körperzellen eingeschleust werden, sehen unter anderem Verbände von Menschen mit Bluterkrankheit oder Veitstanz (Huntington) positiv. Ein Mukoviszidose-Kranker, bei dem Lunge und Bauchspeicheldrüse zunehmend verkleben, habe nur mit der Gentherapie Aussicht auf anhaltende Heilung, glaubt auch die Biochemikerin Cordula Harter vom Mukoviszidose e.V.. Mit einem Durchbruch sei in den nächsten zehn Jahren jedoch nicht zu rechnen. Die Keimbahntherapie stößt derzeit dagegen auf Skepsis. "An Keimzellen sollte man nicht manipulieren, weil es sich auch auf alle Nachkommen auswirkt", sagte Harter. Der Vorstand der Deutschen Huntington-Hilfe, Georg Hirschler, lehnt dies ebenfalls ab: "Das führt zu 100-Prozent-Menschen, von Menschendesignern erschaffen." Auch Helma Gusseck vom Verband der Menschen mit Netzhautdegeneration (Retinitis pigmentosa), Pro Retina, ist dagegen: "Wir müssen nicht alles perfekt und unsere Krankheit ausgemerzt haben. Wenn man sie in den Griff bekommt, lehrt das Leben mit einer Behinderung sehr viel." Zudem berge der Erbgut-Eingriff zu viele Missbrauchsmöglichkeiten. Das Auftreten von Krankheiten, die auf einem einzelnen Gendefekt beruhen, ist relativ sicher vorhersagbar, sobald man das Gen dafür kennt. Wesentlich schwieriger werden Vorhersage und Heilung bei Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Schwäche oder psychischen Leiden. "Einen Ausbruch von Krankheiten mit mehreren genetischen und sonstigen Auslösern genau vorherzusagen, dass dauert sicherlich noch lange und es ist ungewiss, ob es überhaupt gelingt", sagte Prof. Eberhard Schwinger von der Universität Lübeck. Dennoch gibt es auch für diese multifaktoriellen Krankheiten einen medizinischen Nutzen: "Wenn man die Gene kennt, dann kann man die Therapie individualisieren", sagte Stefan Wiemann, einer der Koordinatoren im Deutschen Human-Genom-Projekt. Das Ziel seien Medikamente, die auf die Gene des Menschen abgestimmt sind. Mit Hilfe der Gene wollen die Ärzte erkennen, ob ein Patient resistent ist gegen bestimmte Medikamente oder ob sie besonders gut wirken. Missbrauchsmöglichkeiten sieht der Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungzentrum (Heidelberg) vor allem durch Arbeitgeber und private Versicherungen. Da sei der Gesetzgeber gefragt. Auch in der vorgeburtlichen Diagnostik liege eine Gefahr: "In China werden schon heute Mädchen abgetrieben." In Deutschland gibt es zwar strenge gesetzliche Regeln, doch etwa in den USA darf beispielsweise schon mit Embryostammzellen geforscht werden. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein veränderter aus Stammzellen gezogener Embryo in den Mutterleib eingepflanzt wird", glaubt Wiemann. "Der Gesetzgeber muss in der Richtung weit vorausschauend denken." Das Embryonenschutzgesetz in Deutschland sei schon ziemlich gut. Der Gesetzgeber in Deutschland müsse jedoch stark genug sein, sich gegen internationale Strömungen zu wehren, die entsprechende Gesetze aufweichen wollen. Am 24. März hat der Bundestag die lange geforderte Bioethik-Kommission eingesetzt, die Empfehlungen zum Umgang mit den medizinischen Fortschritt erarbeiten soll. Viele Horrorszenarien werden jedoch nach Meinung von Experten auch in Zukunft nicht möglich sein: "Die Intelligenz ist das Komplexeste, was man sich vorstellen kann", sagt Schwinger. "Da eine Vorhersage zu treffen, ist bar jeder Grundlage." |