N A C H R I C H T E N

31.03.2000

Der therapierte Mensch: Neue Gene und maßgeschneiderte Medikamente

New York (Gisela Ostwald) - Zukunftsmusik oder Hirngespinst? Während einige Forscher mit der Gentherapie das Erbgut in Körperzellen verändern wollen, arbeiten andere an Medikamenten, die auf das individuelle Gen-Profil eines Patienten zugeschnitten sind. Mit maßgeschneiderten Arzneien rechnen Mediziner jedoch erst in 20 bis 30 Jahren. Das Ziel: kein Herumdoktern mehr auf der Suche nach dem richtigen Präparat, weniger Nebenwirkungen, optimierte Heilungschancen. "Die Medizin steht vor einer Revolution", sagt der Biochemiker French Anderson von der Universität von Südkalifornien - ihr Name ist Pharmakogenomik.

Unter diesem Schlagwort verstehen Wissenschaftler die praktische Umsetzung der Erbgutforschung durch Pharmakologen. "Es gibt gewaltige Unterschiede in der Reaktion (von Patienten) auf Medikamente; das gilt für ihre Nebenwirkungen und ihren Behandlungserfolg", schreibt das Fachmagazin "Science" (Bd. 286, S. 487). Das Alter eines Patienten, sein Krankheits- und Ernährungszustand, Nieren- und Leberstatus sowie die Interaktion mit anderen Stoffen spielen eine Rolle. Mehr noch als alles andere aber schlagen seine Gene zu Buche, so "Science".

Besonderheiten im Erbgut und verhängnisvolle Kombinationen mit anderen Medikamenten sollen beispielsweise bei 80 Amerikanern zum Tod durch ein Mittel gegen Sodbrennen geführt haben. Propulsin, wie es in Deutschland heißt, löste bei ihnen Herzrhythmusstörungen aus. Die US- Gesundheitsbehörde FDA zog das Mittel, das Tausenden anderen hilft, jetzt vom Markt. Unverträglichkeiten sind laut US-Statistik die vierthäufigste Todesursache. Umgekehrt hilft das Krebsmittel 5-FU, das in Amerika bei Darmtumoren verordnet wird, noch nicht einmal jedem Dritten.

Um Fälle wie diese zu vermeiden, haben sich zehn der größten Pharma-Firmen dem Wellcome Trust in London angeschlossen, einem Partner des Human-Genom-Projekts (HGP). Das neue Konsortium will gemeinsam nach den häufigsten Abweichungen in den Erbgut-Sequenzen der rund 100.000 menschlichen Gene suchen, so genannten "Single Nucleotide Polymorphisms" oder SNPs - ausgesprochen Snips. Eine Karte mit rund 300.000 SNPs soll das Design künftiger Therapien unterstützen.

In der Praxis dürfte das heißen, dass Ärzte erst einen Gentest verordnen, bevor sie zum Rezeptblock greifen. Anfangs wird der Blick in das genetische Profil des Kranken nur zeigen, welches von einer Reihe ähnlicher Mittel ihm am meisten hilft und am wenigsten schadet. Mit der Zeit hofft aber die Pharma-Industrie, immer mehr Konditionen berücksichtigen und individueller angepasste Medikamente fertigen zu können. Kritiker halten den Plan für unrealistisch und bezweifeln, dass die Industrie von Produkten leben kann, die von weniger als 200.000 Patienten pro Jahr genommen werden.

Dass Pharmakogenomik die Preise erhöht, steht außer Frage. Der finanzielle Ausgleich käme, wenn maßgeschneiderte Mittel schneller helfen und dann schneller wieder abgesetzt werden könnten. Durch die Auswahl der Zielgruppe glauben Pharmazeutische Unternehmen auch die Kosten für jene Posten drastisch senken zu können, die sich am meisten auf den Handelspreis niederschlagen: die Suche nach dem geeigneten Wirkstoff und der Beweis seiner Unbedenklichkeit im klinischen Versuch.

Parallel dazu testen Gentherapeuten, wie sie die Erkenntnisse der Genomforschung zum Nutzen von Patienten umsetzen können. Bisher hat keiner der vielen Dutzend Ansätze zur gentherapeutischen Behandlung von Krebs, Herzkrankheiten, Aids, der Bluterkrankheit, der zystischen Fibrose (Mukoviszidose) oder Arthritis einen Durchbruch erzielt. Experten rechnen nicht vor fünf Jahren mit brauchbaren Ergebnissen. Als größter Erfolg gilt bisher das genetisch stimulierte Wachstum neuer Blutgefäße im Herz oder den Beinen.