N A C H R I C H T E N 31.03.2000 Der gläserne Mensch: Interessant für Versicherungen und ArbeitgeberHamburg (Simone Humml) - Ein Tropfen Blut oder Speichel kann künftig genügen, damit ein daumengroßer Genchip mehrere tausend Erbanlagen auf einen Schlag identifiziert. Neben dem medizinischen Nutzen könnten die Daten vor allem für Versicherungen und Arbeitgeber interessant sein.Das britische Unternehmen Genostic Pharma in Cambridge hat bereits ein Patent für ein Testsystem beantragt, mit dem sich Varianten von mehr als 2 500 Genen identifizieren lassen ("New Scientist", Nr. 2229, S. 4). Der Test umfasst Gene, die bei 16 verschiedenen Krankheitstypen eine Rolle spielen, darunter Krebs, Sexprobleme und Gehirnabbau. Einige sollen auch das Verhalten und die Intelligenz des Menschen betreffen. Mit dem Bau von Chips-Prototypen möchte das Unternehmen in wenigen Monaten beginnen. Auf den Chips sind Genschnipsel angebracht, die sich bei Übereinstimmung mit denen des Probanden verbinden und damit anzeigen, welche Erbanlagen er hat. Zurzeit seien Gentests nur für wenige seltene Erbleiden wirklich aussagekräftig, erläutert Oliver Schöffski, Versicherungsökonom an der Universität Hannover. Für Versicherungen könnten sie jedoch schon in etwa fünf Jahren relevant werden, wenn man ein Risiko von Volkskrankheiten wie Krebs oder Rheuma vorhersagen könne. Wie genau dies jemals möglich sein wird, ist noch offen. "Beim Abschluss von privaten Kranken- oder Lebensversicherungen muss ich schon heute alle bekannten Risiken angeben und den Arzt von seiner Schweigepflicht entbinden", sagt Schöffski. Da ein Hausstaub-Allergiker ein hohes Risiko für Asthma habe, zahle er jetzt bereits höhere Beiträge. Auch das Ergebnis eines Gentests müsse der privaten Versicherung mitgeteilt werden. "Die große Gefahr ist, dass Menschen deswegen keinen Gentest machen", sagt Schöffski, selbst wenn es aus medizinischen Gründen in Einzelfällen ratsam wäre. "Rechtlich ungeklärt ist, ob Versicherungen die Durchführung eines Gentests verlangen können. Sie machen es derzeit aber nicht." Ein Arbeitgeber dürfe in Deutschland in Ausnahmefällen einen Gentest vor der Einstellung fordern, erläutert Helmut Krause, Vorsitzender der Arbeitsrechtlichen Vereinigung Deutschlands in München. "Das hat allerdings noch kein Arbeitgeber gewagt. Das Bundesarbeitsgericht hatte noch keine Fälle, in denen ein Arbeitgeber direkt nach einem Gentest gefragt hat." Denkbar wäre aber, dass es in naher Zukunft nur mit einem Gentest zu Vertragsverhandlungen kommt. "Das mag zwar moralisch und ethisch bedenklich sein, ist gesetzlich aber erlaubt." Ein Test wäre sinnvoll, wenn damit etwa Fabrikarbeiter von für sie gefährlichen Stoffen fern gehalten werden. Schon heute müsse ein Bewerber mit Mehlstauballergie einen Bäcker von sich aus darauf hinweisen. Bislang werden Menschen, die es wünschen, mit herkömmlichen Tests meist nur auf ein in der Familie gehäuft vorkommendes Gen untersucht. So kann ein 20-Jähriger erfahren, dass er in zehn bis 30 Jahren am unheilbaren Veitstanz (Chorea Huntington) erkranken wird oder auch nicht. Direkten therapeutischen Nutzen haben nur wenige Gentests. So können Ärzte einen Dickdarmkrebs (familiäre adenomatöse Polipose) per Gentest frühzeitig voraussagen und therapieren. Auch ein sehr seltener Augentumor bei Kindern, das Retinoblastom, kann per Gentest erkannt werden. Frauen mit einer erblichen Anlage für Brustkrebs können verstärkt zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Bislang versuchen einige der Frauen in Großbritannien das Risiko dadurch zu verringern, dass sie sich die Brüste vorsorglich amputieren lassen. Der Gentest zeigt jedoch nur eine Veranlagung an, so dass eine Anzahl dieser Frauen ohnehin nicht erkrankt wäre. Noch fahnden Ärzte meist gezielt nach einzelnen Genen und nutzen zur Diagnose von Erbkrankheiten herkömmliche Tests. Die Entwicklung der Genchips sei jedoch so weit, dass man sie bald in der Routine einsetzen könne, sagt Steffen Rupp vom Fraunhofer Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart. Genchips werden schon in Prüf- und Forschungslabors verwendet. Sie enttarnen beispielsweise gentechnisch veränderte Nahrungsmittel oder Rindfleisch in Gänseleberpastete. Rupp selbst arbeitet an einem Genchip, mit dessen Hilfe er frühzeitig einen Hautpilz (Candida albicans) erkennen und zudem Medikamente dagegen entwickeln kann. Er hat gegen Genchips keine Bedenken: "Die Gefahren liegen nicht in der Technologie sondern in der Gesellschaft selbst." |