N A C H R I C H T E N

30.03.2000

Nikotinpflaster aus dem Automaten: Neue Wege der Raucherentwöhnung

Frankfurt/Main (Sandra Trauner) - Rund 800.000 Zigarettenautomaten hängen an Deutschlands Wänden. Sie ermöglichen Rauchern rund um die Uhr die Befriedigung ihrer Sucht. Wer sich aber das Rauchen abgewöhnen will, muss weitere Wege auf sich nehmen: Nikotinkaugummis, -pflaster oder - sprays gibt es nur in der Apotheke, manche sogar nur auf Rezept. "Neben jeden Zigarettenautomaten einen Nikotinkaugummi-Automaten", schlug kürzlich das Deutsche Grüne Kreuz in Marburg bewusst provozierend vor. Mit weniger kühnen Wegen der Raucherentwöhnung beschäftigte sich am Mittwoch in Frankfurt der Wissenschaftliche Aktionskreis Tabakentwöhnung (WAT).

Die wirksamste Methode, da sind sich die Forscher einig, ist eine Doppelstrategie, bei der der Raucher im Entzug sowohl physisch als auch psychisch unterstützt wird. Baustein eins ist ein Motivationstraining oder eine Verhaltenstherapie, Baustein zwei sind Medikamente, die die Entzugssymptome unterdrücken. Der Arzt Anil Batra, Leiter des Arbeitskreises Raucherentwöhnung der Universitätsklinik Tübingen, hält das Pflaster für den besten Weg: Im Gegensatz zu Kaugummis oder Sprays, die immer dann zum Einsatz kommen, wenn sonst zum Glimmstängel gegriffen würde, schaffe es das dauerhaft wirksame Pflaster, "den Suchtstoff vom bisherigen Zufuhrverhalten zu entkoppeln".

Gemeinsam ist all diesen "Helfern" bislang, dass sie Nikotin enthalten. Bald wird es aber auch ein Medikament geben, das ohne Gift auskommt: "Zyban", die erste Anti-Raucher-Pille der Welt. In den USA ist die Tablette schon seit 1997 zugelassen, in Deutschland soll sie Mitte des Jahres auf den Markt kommen. "Die Pille minimiert das Rauchverlangen und lindert die Entzugssymptome", schildert Prof. Martin Jarvis aus London die Wirkung des wenig erforschten Stoffes Bupropion. Erste Erfahrungen in den USA seien durchaus positiv. Jarvis warnt aber vor zu hohen Erwartungen: "Wie effektiv die Pille wirklich ist, wird erst in einigen Jahren zu beurteilen sein."

Eine sehr einfache Möglichkeit, Raucher zu behandeln, sieht Pal Bölcskei vom Klinikum Nürnberg. "Jeder Krankenhausaufenthalt bietet für eine Tabakentwöhnung günstige Chancen", sagt er. In Nürnberg wurde für eine Studie zu Beginn des vergangenen Jahres 85 Patienten nahe gelegt, das Rauchen aufzugeben. Sie bekamen Nikotinpflaster und/oder Kaugummis und wurden von speziell geschultem Klinikpersonal beraten. Bei der Entlassung waren 79 Prozent "clean", 40 Prozent waren es noch nach drei Monaten, 33 Prozent hielten es länger als ein Jahr ohne Zigaretten aus.

Laut Statistischem Bundesamt rauchen 36 Prozent aller Männer und 22 Prozent aller Frauen in Deutschland. 31 Prozent der männlichen und 38 Prozent der weiblichen Raucher würden damit gern aufhören, ergab eine repräsentative Erhebung vor drei Jahren. 80 Prozent von denen, die es geschafft haben, kamen ohne fremde Hilfe vom Glimmstengel los, weiß das Deutsche Krebsforschungszentrum. Nur 3,4 Prozent griffen zu Pflastern, Kaugummis und ähnlichen Methoden. 0,6 Prozent holten sich geistige Unterstützung bei einem Entwohnungskurs. Drei Prozent vertrauten auf Bücher, Kassetten, Videos und Autosuggestion.

"Beim Thema Rauchentwöhnung ist Deutschland ein Entwicklungsland", meint Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. In der Wissenschaft gelte es als "Exotenfach", in Kliniken seien entsprechende Angebote Mangelware, die Kassen würden viele Maßnahmen zur Raucherentwöhnung nicht bezahlen. Auch die Entwöhnungspille wollen die Kassen nicht finanzieren.

Dabei werde das Problem immer drängender. Seit 1993 werden laut Statistischem Bundesamt Jahr für Jahr mehr Tabakwaren verkauft: 1999 gaben die Deutschen bereits 41,2 Milliarden Mark für diese Sucht aus - knapp sechs Prozent mehr als im Vorjahr. 145,3 Milliarden Glimmstängel verglühten - fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich 90.000, der Auffassung mancher Experten zufolge sogar bis zu 140.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens sterben. Zum Vergleich: Dem Alkohol fallen jährlich rund 40.000 Menschen zum Opfer. (dpa)