N A C H R I C H T E N

29.03.2000

Rote Rübe und heiße Ohren: Werden Jugendliche immer schüchterner?

Düsseldorf (Alexander Renatus) - "Wenn ich den Jungen sehe, in den ich gerade ziemlich verknallt bin, dann krieg ich einen roten Kopf. Dann hilft nur noch wegrennen, damit er mich so nicht sieht." Für die 15-jährige Verena auf dem Schulhof des Düsseldorfer Goethe-Gymnasiums ist der Grund für ihre "rote Rübe" klar, und sie kann damit umgehen. Auch für den ein Jahr älteren Patrick steht fest: "Das mit den heißen Ohren, dem Erröten und so, das hat ganz sicher was mit Schüchternheit zu tun. Da kann ich auch nichts dran ändern. Das ist so wie mit den Pickeln, die gehören zum Erwachsenenwerden einfach dazu."

Die beiden Schüler haben zumindest keine Hemmungen, über ihre Schüchternheit zu sprechen. Sozialwissenschaftler und Psychologen stellen seit einigen Jahren gerade bei Kindern und Jugendlichen eine deutliche Zunahme von Hemmungen fest. Nach Ansicht des Jugendforschers Klaus Hurrelmann aus Bielefeld ist dies vordergründig "ein überraschendes Phänomen in dieser lärmenden und kommunikativen Zeit". Nach seinen Angaben sind davon derzeit etwa fünf Prozent eines Jahrgangs betroffen - Tendenz steigend.

Nicht das Erröten und nicht die schweißnassen Hände bei der Begegnung mit dem oder der Angehimmelten sind das Problem. Vielmehr haben Untersuchungen gezeigt, dass es Kindern und Jugendlichen immer häufiger schwer fällt, jemanden anzusprechen, ein Gespräch anzufangen - mit ihrem Gegenüber zu kommunizieren.

Die Psychologin Ulrike Willutzki von der Ruhr-Universität in Bochum zeigte sich jüngst auf einem Kongress in Berlin davon überzeugt, dass "jeder zehnte Bundesbürger unter abnormer Schüchternheit leidet". Viele der Betroffenen zögen sich zurück in ein Schneckenhaus, litten unter Selbstzweifeln und hätten nur ein geringes Selbstwertgefühl, hieß es auf der Tagung für Klinische Psychologie.

Der Psychologe Thomas Heidenreich unterscheidet aber - wie auch Hurrelmann - zwischen Schüchternheit und einer Sozialphobie, also einer ernst zu nehmenden psychischen Krankheit. Er ist davon überzeugt, dass "jeder Vierte schüchtern und ein bisschen ängstlich ist". Diese Menschen gingen allerdings - ebenso wie Verena und Patrick - trotzdem in schwierige Situationen hinein und würden sie trotz Errötens, Herzklopfens oder leichter Schweißausbrüche letztlich meistern.

Doch Hurrelmann weiß auch, dass die Alltagsbelastungen von Kindern und Jugendlichen verbunden mit dem oft starken beruflichen Engagement der Eltern zu Depressivität und zum Ausweichen vor Konflikten führen. "Gerade weil die Norm existiert, sich intensiv verzahnen und vernetzen zu müssen, um sozial zu überleben, verlieren viele junge Menschen den Anschluss". Die einen kommunizieren nach Ansicht der Psychologen fast nur noch mittels technischer Geräte, mit Internet-Computern und Handys. Andere bleiben von deren Nutzung gänzlich ausgespart - und werden auch auf diese Weise zu Außenseitern.

Ähnlich wie bei alten Menschen beobachten Psychologen und Lehrer zudem bereits bei vielen Kindern und Jugendlichen einen Trend zur Vereinzelung und Vereinsamung. "Sicherlich gibt es da auch einen Zusammenhang mit der zunehmenden Zahl von Ein-Eltern-Familien und Einzelkindern", meint der Jugendpsychiater Hermann Kahl, der eine steigende Zahl gehemmter Kinder und Jugendlicher in seiner Praxis in Düsseldorf registriert. Wer nicht mehr in der Kleinfamilie Konflikte durchspielen kann und auch wenig Außenkontakte hat, der reagiere natürlich mit Hemmungen, Abblocken und Schüchternheit auf solche Situationen, sagt der Experte.

Ein Heilmittel gegen Schüchternheit gibt es nicht. Es wäre vielleicht auch schade, wenn die junge Generation dieses Gefühl, das zum Leben gehört, nicht mehr kennen lernen würde. Dass man trotz dieser "kleinen Macke" später doch fast jede Hemmung verlieren kann, zeigt das Beispiel der Talkshow-Moderatorin Arabella Kiesbauer, die nach eigener Aussage als Kind eher schüchtern war und die Zähne kaum auseinander bekam.

Eine wirksame Medizin gegen Schüchtern-Sein ist nach wie vor nicht in Sicht. Das Mittel "Seroxat", dem man eine solche Wirkung im vergangenen Jahr nachsagte, ist nur ein schlichtes Antidepressivum und verhilft in keiner Weise gehemmten Menschen zu neuem Selbstbewusstsein. Mit einem Anti-Schüchternheits-Mittel hat "Seroxat" nach Angaben des Herstellers nichts zu tun. Schüchtern-Sein sei ein Persönlichkeitsmerkmal und nicht mit einer Krankheit zu verwechseln, so eine Sprecherin.

Verena und Patrick zumindest wissen das und haben eine Reihe guter Freunde, mit denen sie über ihre Hemmungen reden können. "Das ist sowieso das allerbeste. Miteinander reden. So oft es geht und wenn es geht, dann auch über alles", meint die 15-jährige. Und Patrick findet: "Das Internet ist wundervoll, aber direkt miteinander zu sprechen, zu lachen und zu diskutieren ist wichtiger. Ich will eine Stimme hören und ein Lächeln sehen, dann verschwinden auch die Hemmungen". (gms)