N A C H R I C H T E N 29.03.2000 Die Scheu, in Gegenwart mehrerer Menschen etwas zu sagen: Zwei von drei Frauen reagieren häufig bis gelegentlich schüchternHamburg (MEDI-Report) - Unsicher, verlegen, verschüchtert - diese Eigenschaften sind zwischen den Geschlechtern ungerecht verteilt. Zwei von drei Frauen (78 Prozent) und 27 Prozent der Männer reagieren häufig bis gelegentlich schüchtern. Das ergab eine am Mittwoch veröffentlichte Repräsentativ-Umfrage der Zeitschrift "vital". 78 Prozent aller schüchternen Frauen scheuen sich davor, in Gegenwart mehrerer Menschen etwas zu sagen. In der Altersgruppe zwischen 35 und 54 Jahren steigt diese Zahl sogar auf 91 Prozent an.Bei den Männern gaben 65 Prozent aller schüchternen Befragten zu, diese Situation nicht zu mögen. Im Auftrag der Zeitschrift hat die Möllner Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung INRA 500 Frauen und Männer im Alter ab 14 Jahren befragt. Die Zeitschrift veröffentlicht in ihrer April-Ausgabe Ratschläge, wie rote Wangen, feuchte Hände und wackelige Knie nachhaltig in den Griff zu bekommen sind. Jemanden etwas zu fragen oder um etwas bitten zu müssen, macht laut "vital"-Umfrage 45 Prozent der schüchternen Frauen, jedoch lediglich 19 Prozent der Männer ein Problem. Beim Feiern und Flirten verhält es sich umgekehrt: 26 Prozent der Frauen, aber 30 Prozent der Männer gehen nicht gern auf Partys. Bei einem Rendezvous stellt sich bei 43 Prozent der schüchternen Männer, aber nur bei jeder dritten Frau (33 Prozent) Muffensausen ein. Je jünger Mann und Frau, desto nervöser benehmen sich beide: 54 Prozent der bis zu 34-jährigen kriegen rote Ohren beim "date". Nach Ansicht von Psychologie-Professor Jens Asendorpf sind die Gene zu 50 Prozent der Grund für Schüchternheit. Der Rest sei Sache von Erziehung, Prägung und Erfahrung. "Scheue Rehe" haben es laut "vital"-Bericht also selbst in der Hand, mit der Schüchternheit umgehen zu lernen. Die Umfrage zeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Schüchternen das Problem auch ganz offensiv angeht: 68 Prozent der Frauen und 72 Prozent der Männer akzeptieren ihre Schüchternheit. 69 Prozent der Frauen und 64 Prozent der Männer versuchen, sich zu überwinden. Ein Zehntel setzt sich bewusst problematischen Situationen aus, um sie zu bewältigen. Die größten Erfolgsaussichten seien bei einer Verhaltenstherapie angesagt. Ein therapeutischer Ansatz beginne damit, den Schüchternen allmählich zu desensibilisieren: Er erstelle zunächst eine Angstskala mit für ihn problematischen Situationen auf. An unterster Stelle stehe das Szenario, das für ihn am leichtesten, an oberster Stelle jenes, das am schwierigsten zu meistern ist. Schritt für Schritt könne er dann beginnen, sich diesen Situationen auszusetzen, wobei er mit der leichtesten Aufgabe beginnt. Der Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann von der Stuttgarter Angstambulanz verweist mit Blick auf diese in "vital" berichtete Vorgehensweise jedoch darauf, dass nach dem modernen Erkenntnisstand bei Angst- und Panikstörungen sich die massierte Reizkonfrontation mit den am höchsten angstbesetzten Situationen der systematischen Desensibilisierung als überlegen erwiesen hat. Dabei werde die Übung in den angstbesetzten Situationen durch eine kognitive Therapie vorbereitet, die dem Schüchternen und Sozialphobiker zuvor ein Instrumentarium in die Hand gebe, mit dem er seine phobischen Gedanken besser steuern könne. So seien innerhalb von weniger als 20 Therapiesitzungen regelmäßig sehr gute Erfolge zu erreichen. "Es ist eine typische Beobachtung, dass sehr schüchterne Menschen häufig nicht den beruflichen oder gesellschaftlichen Erfolg erreichen, den sie mit ihrem Intellekt und ihrer Begabung erreichen könnten", erklärt der Angsttherapeut Luchmann. "Sie trauen sich nicht, die Dinge zu tun, wozu sie gleichwohl die Fähigkeiten besitzen, weil sie in ihrer Lerngeschichte nicht ausreichend positiv verstärkt wurden." Auch die Gesellschaft verstärke - sehr zu ihrem Nachteil - oft nur jene, die weniger vermögen, aber bereits gelernt haben, unverschämt zu sein oder lauter zu brüllen. (ots / MR) Weitere Informationen zum Thema: |