N A C H R I C H T E N 28.03.2000 Gastfamilie statt Altersheim: Psychisch Kranke suchen neues ZuhauseSaarbrücken (Cordula Röhmel) - Manchmal kann Sonja Gärtner ihr Glück nicht fassen. Im August 1999 sollte die unter einer Psychose leidende Frau mit 48 Jahren ins Altersheim. Doch dieses Schicksal blieb ihr erspart: Die 61-jährige Maria Friedrich und ihr Mann aus der Nähe von Saarbrücken nahmen Sonja Gärtner (Namen von Gastfamilie und Patientin von der Redaktion geändert) auf. Sie sind eine von bundesweit rund 500 Gastfamilien, die Menschen mit Psychosen wie Depressionen oder Schizophrenie ein neues Zuhause geben - zu wenig für die vielen Kranken, die sich diese Alternative zum Heim wünschen."Ich glaub, ich hab im Lotto gewonnen", sagt Sonja Gärtner immer wieder. "Hier bin ich keine Nummer wie im Heim." Von starken Medikamenten ist die Frau müde. Sie läuft auf Krücken gestützt, da ihre Beinknochen nach einem Sprung aus dem Fenster nur langsam zusammen wachsen. Ein Jahr lang war sie nach einem Selbstmordversuch abwechselnd in der Reha-Klinik und im Krankenhaus. Vor einem Leben im Altersheim hatte sie Angst. Nun genießt sie den Trubel in der großen Familie - zwei eigene, zwei adoptierte und zwölf Pflegekinder der Friedrichs kommen immer wieder gerne nach Hause. Zufrieden sitzt Sonja Gärtner in einem ausgebauten Kellerzimmer inmitten von Habseligkeiten: Figuren, ein Regal mit bunten Teedosen und Bildern an den Wänden, von denen sie einige selbst gemalt hat. Die Fürsorge und Herzlichkeit der Familie tun ihr gut. "Seit sie hier ist, konnte sie ihre Medikamente stark reduzieren", sagt Maria Friedrich. Sogar ihre Blockflöte kramt Sonja nach jahrzehntelanger Pause wieder hervor, um mit den Friedrichs gemeinsam zu musizieren. "Die Familien sind eine Belebung für die Patienten", sagt Andreas Fickinger, der das Projekt im Saarland betreut. Vermittelt werden Menschen mit chronischen Psychosen, bei denen alle Möglichkeiten für Therapie ausgereizt sind. Ein Arzt begutachtet, ob sie für das Leben in der Familie geeignet sind. Familienpflege sei für Menschen gedacht, die sich nicht mehr selbst versorgen können, sagt der Sprecher des Fachausschusses der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie, Reinhold Eisenhut, aus Reutlingen. Sonja Gärtner ist auf Hilfe angewiesen. Oft hat sie Schmerzen in den Beinen, ist antriebslos und kann nur leichte Arbeiten erledigen. "Ich trockne jeden Tag ab", erzählt sie. Auch Marmelade hat sie schon eingekocht und Kuchen gebacken mit "ihrer" Familie. Die Mithilfe im Haushalt ist sogar erwünscht. "Es ist nicht sinnvoll, wenn der Gast den ganzen Tag im Bett liegt", sagt Fickinger. Doch das Glück von Sonja Gärtner teilen nur wenige psychisch Kranke. "40 Prozent der Menschen in Heimen könnten in Familien wohnen", sagt Eisenhut. Doch die Plätze sind rar. Mehr als die Hälfte der Gastfamilien sind nach Angaben von Eisenhut in Baden-Württemberg. Im Rheinland sind es etwa 150. Die meisten anderen Familien wohnen in Bayern, Bremen und im Saarland. In Brandenburg und Thüringen laufe das Projekt erst an, in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Berlin und vielen neuen Bundesländern besteht es gar nicht. Für die Sozialhilfeträger sind Gastfamilien günstig. Für Pflege, Kost und Logis erhalten sie je nach Bundesland zwischen rund 1 700 und 1 300 Mark im Monat. In Baden-Württemberg kostet ein Heimplatz nach Angaben von Eisenhut etwa 4 500 Mark. Damit die Familien mit den Kranken nicht nur ihre Finanzen aufbessern, kommen regelmäßig Mitarbeiter des Projekts vorbei. Sie beraten auch die Familien, wenn sie Probleme mit ihrem Gast haben. Die meisten Gastfamilien sind ältere Ehepaare, die nach dem Auszug der Kinder leere Zimmer haben. "Vor allem die Frauen suchen eine neue Aufgabe und wollen jemanden versorgen", hat Fickinger beobachtet. Für das soziale Engagement der Friedrichs war ihr christlicher Glauben ein Hauptantrieb: "Ohne Gottes Hilfe würden wir das nicht schaffen", sagt Maria Friedrich. "Das ist unsere Lebensaufgabe", meint ihr Mann Michael. |