N A C H R I C H T E N 26.03.2000 Ballaststoffreich und voller Vitamine: Das neue "Turbo-Food"Hamburg (Hanke Huber) - Asien liegt im Trend: Ob Sushi oder Sashimi - die traditionelle japanische Küche mit kleinen Häppchen von rohem Fisch, Klebreis und Algen erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit. Neben der traditionellen Küche hat in den vergangenen Jahren noch ein anderer aus Japan stammender Essenstrend Aufmerksamkeit gefunden: "Functional Food" heißen die neuen Nahrungsmittel, die beispielsweise mit Vitalstoffen, Eiweißen oder Fettsäuren angereichert werden. Sie sollen ernährungsbedingten Krankheiten vorbeugen, ihr Auftreten verzögern oder ihren Verlauf günstig beeinflussen. Nach Japan eroberte das funktionelle Essen in kürzester Zeit Amerika, und nun greifen auch in Deutschland immer mehr Leute zu "Supersäften" und "Turbo-Food".Mit Vitaminen und Nährstoffen fing es an: Vitamin A-, C-, E- oder Kalzium-Zusätzen bei Getränken. Probiotische Joghurts folgten. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Naturwissenschaftler Ilja Metschnikoff herausgefunden, warum es den Menschen auf dem Balkan gesundheitlich so gut ging. Ihr langes Leben verdankten sie der Tatsache, dass sie regelmäßig Sauermilchprodukte zu sich nahmen. Der russische Nobelpreisträger war einer der ersten, der Untersuchungen auf diesem Gebiet anstellte. Er wies nach, dass die zum Beispiel im Joghurt enthaltenen Milchsäurebakterien positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Probiotische Milchsäurebakterien kannte er allerdings noch nicht. "Es ist erwiesen, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Milchsäurebakterien aus normalem Joghurt die Reise bis zum Darm überlebt", sagt Michael de Vrese von der Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel. "Die meisten werden bei der Verdauung abgetötet." Hier sollen nun probiotische Bakterien helfen. Sie entstammen in der Regel der menschlichen Darmflora, gelangen in großer Zahl bis zum Darm und siedeln sich dort für kurze Zeit an der Darmwand an. Michael de Vrese ist davon überzeugt, dass sich Probiotika auf einige Bereiche der Gesundheit positiv auswirken: "In einer mehrmonatigen Studie eines kommerziellen Unternehmens bei Kinderhort-Kindern wurde beispielsweise eine deutliche Verringerung von Durchfallerkrankungen nachgewiesen", berichtet der Wissenschaftler. "Allerdings müssen probiotische Bakterien regelmäßig verzehrt werden, am besten täglich, mindestens aber zwei Mal pro Woche." Andere Wirkungen, etwa eine Verringerung des Krebsrisikos, seien aber noch nicht klinisch nachgewiesen. Neben probiotischen Bakterien tummeln sich seit einiger Zeit aber auch noch andere künstlich zugesetzte Stoffe in Nahrungsmitteln. Beispielsweise Fettsäuren aus Fisch: Anfangs in Pillenform erhältlich, können Verbraucher sie nun sogar durch den Verzehr von Brot, Nudeln oder Eiern zu sich nehmen. Die so genannten Omega-3-Fettsäuren der Fische sind ungesättigte Fettsäuren, die vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen schützen sollen. Einzelne Stoffe aus ihrem natürlichen Verbund zu lösen, hält Beatrix Tappeser vom Öko-Institut in Freiburg allerdings für problematisch. "Es sind meistens nicht die einzelnen Wirkstoffe, die zum Beispiel vor Krebs schützen, sondern das bewirkt die spezielle Wirkstoffkombination", sagt die Gentechnik-Expertin. Aus dem natürlichen Umfeld gelöst, können einige Stoffe, wie spezielle Vitamine, sogar schädlich sein. Während der Verzehr von Gemüse und Obst, das Betacarotin enthält, eine Vorstufe des Vitamin A, beispielsweise vor Krebs schützt, kann isoliertes Betacarotin sogar zur Bildung von Tumoren führen. Dies hätten, so Beatrix Tappeser, eine finnische und eine amerikanische Studie mit krebsgefährdeten Menschen gezeigt. Trotz der Kritik - der Markt für Functional Food "boomt". Der neue Essenstrend verspricht der Lebensmittelindustrie ein erhebliches Wachstumspotenzial. Auch an der "zweiten Generation" der funktionellen Nahrungsmittel wird schon gearbeitet. Große Konzerne und wissenschaftliche Institute sind dabei, Getreide-, Gemüse- und Obstsorten genetisch zu verändern. Zum Beispiel geht es um die Erhöhung der Trockensubstanz bei Kartoffeln. "Wo Ballaststoffe sind, da ist kein Wasser," so Andreas Thierfelder vom Unternehmen Monsanto in Düsseldorf. Und wo kein Wasser ist, ist nach dem Frittieren auch kein Fett. Kalorienarme Pommes Frites rücken in greifbare Nähe. Für Gentechnik-Gegner ist das eine Horrorvorstellung, für andere eine große Hoffnung. "In Asien reagieren mittlerweile viele Menschen allergisch auf Reis. Wenn die Pflanzen genetisch so verändert werden, dass sie kein allergenes Potenzial mehr haben, dann ist das für diese Menschen positiv", sagt Monika Erdmann, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Frankfurt am Main. In Deutschland wird derzeit an der Entwicklung von glutenfreiem Weizen geforscht. Für Menschen, die auf dieses Getreideeiweiß allergisch reagieren und deshalb auf Brot oder Backwaren verzichten müssen, wäre Weizen ohne Gluten eine erfreuliche Perspektive. Ein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung seien funktionelle Lebensmittel - ob gentechnisch hergestellt oder nicht - jedoch keinesfalls, sagt Monika Erdmann. Ungesunde Nahrungsmittel werden auch durch "gute Fette" oder "Extra-Vitamine" nicht unbedingt gesünder. Wer einen Liter Eiscreme angereichert mit Kalzium, Ballaststoffen, Vitamin D und probiotischen Milchsäurebakterien isst, hat letztlich eben doch einen Liter Eiscreme verdrückt. |