N A C H R I C H T E N

25.03.2000

Gentechnologie überall: Humangenetik auf dem Weg zur Kerndisziplin der Medizin

Lübeck (dpa) - Das Wissen über das menschliche Erbgut wird immer mehr zum Schlüssel für die Behandlung von Krankheiten. "Es gibt eigentlich keine Erkrankung, bei der genetische Faktoren nicht zumindest beteiligt sind", sagte der Hannoveraner Humangenetiker Jörg Schmidtke am Donnerstag auf der 12. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik in Lübeck. Die Teilnehmer nannten eine Reihe von Beispielen.

US-Forschern sei es vor kurzem gelungen, das Gen für die Ausschleusung von Cholesterin aus den Zellen zu identifizieren, berichtete der Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Humangenetik, Gerd Utermann. Ein Defekt in diesem Gen ist Auslöser für eine sehr seltene Stoffwechselkrankheit. Da die Konzentration von Cholesterin im Blut das Risiko für einen Herzinfarkt beeinflusse, sei damit ein grundsätzlich neuer Ansatz für eine medikamentöse Steuerung des Cholesterinstoffwechsels gefunden worden. "Dies könnte für Millionen von Menschen von Bedeutung sein", sagte Utermann.

Auch über die Rolle der Gene bei der Entstehung von Krebs gibt es neue Erkenntnisse, die auf der Lübecker Tagung vorgestellt werden. Britische Forscher haben festgestellt, das manche Gene nur aktiv werden, wenn sie von der Mutter vererbt werden, andere dagegen väterlich geprägt sind. Dieser Prozess sei erst ansatzweise bekannt, es sei aber möglich, dass Störungen bei der Regulation auch zur Tumorentstehung beitragen, erklärte der Heidelberger Genetiker Claus Bartram. "Solche grundlegenden Erkenntnisse sind der Grund dafür, dass sich die Humangenetik mehr und mehr zu einem Kernfach der Medizin entwickelt."

Gleichzeitig haben Experten haben auf dem Kongress in Lübeck vor zu großen Erwartungen bei der gentherapeutischen Bekämpfung von Aids gewarnt. Zwar gebe es einen geringen Prozentsatz von Menschen, die auf Grund ihrer Gene widerstandfähig gegen Aidsviren sind, sagte der Hannoveraner Genetiker Jörg Schmidtke. Ob diese Erkenntnisse allerdings der Schlüssel zu einer Gentherapie gegen Aids seien, lasse sich noch nicht sagen.

Auf der Tagung befassten sich die Wissenschaftler auch mit der genetischen Beratung von Patienten, die mit dem Risiko einer genetisch bedingten Erbkrankheit belastet sind. Vor allem bei der so genannten prädiktiven Diagnostik sei eine solche Beratung unumgänglich, um die Patienten durch die Diagnose nicht zu verunsichern, sagte der Kongresspräsident, der Lübecker Humangenetiker Eberhard Schwinger.

Bei der prädiktiven Diagnostik werden äußerlich gesunde Menschen, in deren Familien genetisch bedingte Krankheiten bekannt sind, daraufhin getestet, ob auch sie die entsprechende Veranlagung in sich tragen. So können sich zum Beispiel Frauen, deren Mütter oder Schwestern an Brustkrebs erkrankt sind, auf ihr eigenes genetisches Brustkrebsrisiko testen lassen.

Michael Dean vom nationalen Krebsinstitut in Frederick (USA) erhärtete auf dem Kongress die These, wonach es eine "angeborene Gesundheit" gibt. An der Tagung, die am heutigen Sonnabend zu Ende geht, nehmen rund 1.000 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland teil.