N A C H R I C H T E N 25.03.2000 Philosoph Sloterdijk nennt Elmauer Rede "melancholischen Scherz": Gewebe der Routine zerreißen für tieferen EinblickHamburg (dpa) - Der Philosoph Peter Sloterdijk hat seine umstrittene Elmauer Rede bei einer Diskussion in Hamburg als "Scherzo" (heiteres Stück) charakterisiert. "Der ganze Text ist eigentlich ein lang gezogener, melancholischer Scherz", sagte der 53-Jährige am Mittwochabend in einer Fragerunde bei der Vortragsreihe "Ist der Humanismus am Ende?" in der Evangelischen Akademie.Sloterdijks 1999 in Elmau in Oberbayern gehaltener Vortrag "Regeln für den Menschenpark" hatte eine öffentliche Debatte über Eugenik und Menschenzüchtung ausgelöst. In führenden deutschen Feuilletons machten Kritiker in der Argumentation und Sprache Sloterdijks "faschistische Anklänge" aus. Der in Karlsruhe lehrende Philosoph hatte den gleichen Vortrag bereits 1997 in Basel gehalten. "Damals in Basel hat das Publikum vom Anfang bis zum Ende gelacht", sagte Sloterdijk. Vor allem über Platon gebe es in dem Aufsatz "unglaublich komische Stellen". Er staune nach wie vor darüber, dass man ihn so habe missverstehen können. "Das war eine Art Kriegserklärung mit höchst möglicher Angriffsvokabel: Hiermit erkläre ich Dich zu einem Faschisten", sagte Sloterdijk. Die Biotechnologie sei heute in einen Kernbereich und in die Geheimnisse der Naturinformatik vorgedrungen. "Deshalb muss auf diesem Gebiet Besinnung entwickelt werden." Er sei zwar der Ansicht, dass "der Mensch geschaffen und gemacht" sei, vertrete jedoch keineswegs die Meinung, "dass der Mensch ein gentechnisch verbesserbares Produkt ist", unterstrich Sloterdijk. "Wenn das so wäre, dann hätte ich das auch geschrieben. Aber es steht nicht da und war auch nicht so gemeint." Der Geisteswissenschaftler meinte, es wäre vielleicht klüger gewesen, den auf Heidegger Bezug nehmenden Vortrag "als generative Anthropologie gemacht zu haben unter dem Titel 'Verdeutlichung der Lichtung'". Es sei nicht Aufgabe der Philosophie, Grenzen für Gentechnik zu setzen. "Es gilt zu zeigen, dass unsere Zivilisation eine Zivilisation der methodisch gewordenen Grenzüberschreitung geworden ist. Wir reagieren auf jede Grenzziehung automatisch damit, sie zu überspringen. Jeder, der so tut, als brauchten wir eine moralische Diskussion, hat bereits ein Zugeständnis gemacht. Jede Innovation auf dem Gebiet der Ethik ist wahrscheinlich ein Faschismus", sagte Sloterdijk. Der Sprachstil seiner Texte habe mit dem Versuch zu tun, "die diskursiven Ordnungen der Wissenschaften entgleisen zu lassen", meinte Sloterdijk. "In einem so entgleisten Diskurs ist besser zu begreifen, was in einem Routinevorgang als gelöst betrachtet wird. Ich will das Gewebe der Routine zerreißen und den Blick in tiefere Verkettungen ermöglichen, auch wenn dabei vielleicht die Lesbarkeit erschwert wird." |