N A C H R I C H T E N 24.03.2000 Welt-Tuberkulose-Tag: UNICEF warnt wegen Tuberkulose vor humanitärem DesasterBerlin/Genf/Moskau (dpa) - Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF warnt vor einem "humanitären Desaster", falls die Weltgemeinschaft die Tuberkulose nicht in den Griff bekommt. Die Krankheit sei eines der am meisten vernachlässigten und unterschätzen Gesundheitsprobleme der heutigen Zeit, schreibt UNICEF zum Welt-Tuberkulose-Tag am heutigen Freitag. Das Hilfswerk ist besonders besorgt über unzureichende Behandlungsmethoden in Asien, wo mehr als zwei Drittel der Fälle registriert werden. Eine nicht korrekt beendete Behandlung könne die Bakterien resistent gegen die verfügbaren Medikamente machen.Jedes Jahr erkranken acht Millionen Menschen an Tuberkulose, zwei Millionen sterben. Nach Schätzung von UNICEF sind zwei Milliarden Menschen - jeder dritte - mit der Krankheit infiziert. Zwar bricht die Krankheit nur bei einem kleinen Prozentsatz aus, doch können sie die Bazillen übertragen. Nach Angaben von UNICEF kann eine infizierte Person bis zu 15 weitere im Jahr anstecken. Von einer Ansteckung bedroht sind besonders Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Durch die hohe Rate von HIV-Infektionen hat sich die Zahl der Tuberkulosefälle in Afrika nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht. Nach Angaben von UNICEF können Patienten mit einer sechs- bis neunmonatigen Behandlung für rund 20 Dollar (40 Mark) behandelt werden. Die Erfolgsrate liegt bei 80 Prozent. In Russland breitet sich die Tuberkulose nach Auskunft der WHO mit 123.400 Neuerkrankungen 1999 weiter epidemieartig aus. Besonders schlimm sei die Lage in den überfüllten Gefängnissen des Landes, sagten russische und internationale Gesundheitsexperten am Donnerstag vor der Presse in Moskau. "Wir sind, was die Infektionen anbetrifft, auf das Niveau von Anfang der 60er Jahre zurückgefallen", sagte Alexej Karpejew vom russischen Gesundheitsministerium. Grund dafür sei die tiefe wirtschaftliche und soziale Krise in Russland. Von etwa einer Million Häftlingen in russischen Gefängnissen ist ärztlichen Statistiken zufolge jeder zehnte an Tuberkulose erkrankt. 20.000 Gefangene seien in den vergangenen beiden Jahren an Tuberkulose gestorben. Gemessen an der Zahl der Fälle pro 100.000 Menschen lägen Russland und die übrigen Ex-Sowjetrepubliken auf den vorderen Plätzen der Tuberkulose-Statistik. Während die Tuberkulose sich nach Einschätzung von Gesundheitsexperten weiter weltweit ausbreitet, sind die Zahlen in Deutschland jedoch leicht zurückgegangen. Tuberkulose gehöre zu den häufigsten gefährlichen Infektionskrankheiten auf der Erde, sagte Robert Loddenkemper, Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose, am Dienstag in Berlin. "Insbesondere in Osteuropa und in Schwarzafrika tickt eine Zeitbombe." An diesem Freitag wird der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierte Welttuberkulosetag begangen. Nach einer Prognose des Robert Koch-Instituts zufolge werden weltweit in diesem Jahr rund acht Millionen Menschen neu erkranken und etwa 3,5 Millionen an Tuberkulose sterben. In Deutschland ist Tuberkulose die vierthäufigste infektionsbedingte Todesursache. Während die Zahl der Erkrankungen in den Industrieländern kontinuierlich zurückgegangen sei, nehme sie in einigen Entwicklungsländern dramatisch zu, sagte Loddenkemper. Da die Krankheit häufig im Gefolge einer HIV-Infektion auftrete, erkrankten überwiegend junge Menschen an Tuberkulose. Besorgnis erregend sei insbesondere die Ausbreitung von multiresistenten Erregern durch den Mangel an Medikamenten und eine unzureichende Gesundheitsversorgung in den Risikogebieten. Bis zur Entwicklung eines geeigneten Impfstoffes könnten noch zehn bis 20 Jahre vergehen. In Deutschland wurden 1998 nach Auskunft des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose 10.440 neue Erkrankungsfälle registriert. Das waren 6,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor. 711 Menschen starben an der Krankheit. |