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22.03.2000

Zecken-Impfung schützt nicht immer vor Borreliose: Lyme-Borreliose-Risiko nach Zeckenbiss 1:300

München/Berlin (Heidemarie Pütz) - Wenn die Temperaturen im Frühjahr wieder dauerhaft acht Grad übersteigen, kommt Bewegung in die Zecken-Kolonien. Dann droht Gefahr für Spaziergänger, Jogger, Förster und Waldarbeiter. Die blutgierigen, nur bis zu zwei Millimeter großen, "Holzböcke" lauern an Waldrändern in hohem Gras, losem Laub oder im Gebüsch. Meist wird der Parasit im Vorbeigehen von seinen Opfern abgestreift. Der Biss der Zecke kann folgenschwer sein: Manchmal überträgt sie ein Rückfallfieber, die so genannte Lyme-Borreliose. Auch eine Form der Hirnhautentzündung, die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), wird durch Zeckenbisse verursacht.

"Lyme-Borreliose ist in der nördlichen Hemisphäre die häufigste von Zecken übertragene Erkrankung", sagt Bettina Wilske, Leiterin des nationalen Referenzzentrums für Borrelien in München. Im Gegensatz zu der durch Viren verbreiteten FSME, die nur in bestimmten Regionen auftritt, übertragen verseuchte Zecken - mit wissenschaftlichem Namen Ixodes ricinus - die Krankheit in ganz Deutschland. Mit dem Erreger, dem Bakterium Borrelia burgdorferi, sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin etwa fünf bis 35 Prozent der Tiere befallen.

Nicht jede Zeckenattacke hat eine Infektion zur Folge: "Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Zeckenattacke an Borreliose zu erkranken, liegt bei eins zu 300", erläutert Wilske. In der frühen Phase der Krankheit helfen meist Antibiotika. Wer Tage oder Wochen nach einem Stich eine kreisförmige Hautrötung am Einstich entdeckt, die so genannte Erythema migrans oder Wanderröte, sollte umgehend einen Arzt aufsuchen. "Das ist an sich eine harmlose Sache, aber sie muss unbedingt behandelt werden, um Spätfolgen zu vermeiden".

Wenn die schraubenförmigen Bakterien jedoch Zeit haben, sich auszubreiten, kann es Monate später zu Symptomen wie bei einem Bandscheibenvorfall, Gesichtslähmungen und Herzrhythmusstörungen kommen. Aber selbst in diesem Stadium sind nach Ansicht von Bettina Wilske die Heilungschancen gut. Anzeichen für eine bereits chronische Erkrankung seien eine Haut "wie Zigarettenpapier" und Störungen des Nervensystems, was allerdings selten vorkomme. Wie die Therapie dann verlaufe, hänge davon ab, welche Schäden bereits am Organismus vorliegen, so Wilske.

Während eine Impfung zuverlässig vor der selteneren FSME schützt, gibt es in Europa gegen Borreliose noch keine vorbeugende Spritze. "Der in den USA verwendete Impfstoff ist in Europa nicht zugelassen", so Wilske. Anders als in Nordamerika unterscheiden sich die Stämme des Erregers auf unserem Kontinent zu stark voneinander. Es gebe aber Bemühungen um ein gentechnisch hergestelltes Serum. Bis zur Anwendung werde es allerdings noch Jahre dauern.

Zecken, die FSME als Virus übertragen, sind in Deutschland vor allem in Baden-Württemberg, Bayern und im hessischen Odenwald heimisch. "Virale Erreger verbleiben in bestimmten Lebensräumen", erklärt Günther Dettweiler, Sprecher des RKI. Dadurch lasse sich das Risiko einer Infektion geographisch eingrenzen. So stufte das RKI 1999 insgesamt 65 Städte und Landkreise in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen als FSME-Risikogebiete ein.

Einheimischen und Touristen, die sich in diesen Regionen aufhalten, wird von Experten dringend zur Schutzimpfung geraten. Diese werde im Inland von den Krankenkassen übernommen, sagt Axel Wunsch von der Barmer Ersatzkasse in Wuppertal. Wer allerdings in ausländische Zeckengebiete fährt, muss sich auf eigene Kosten schützen. Riskante Regionen finden sich laut RKI in Österreich, Russland, Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Südschweden, Slowenien, Albanien und den baltischen Ländern.

Viele gegen FSME Geimpfte würden sich nach einem Zeckenstich in falscher Sicherheit wiegen, warnt Kinderarzt Roland Siedl-Seifert aus Kassel: "Viele glauben, vor jeder Zecken-Infektion gefeit zu sein. So werden erste Anzeichen für die weitaus häufigere Borreliose leicht übersehen".

Wer sich gern im Freien aufhalte, an Teichen raste oder im Park spazieren gehe, tue gut daran, feste Schuhe zu tragen sowie Arme, Beine und Kopf zu bedecken, so Wilske. Zu Hause sei dann "Leibesvisitation" angesagt. "Besonders Kinder müssen sorgfältig auf Zecken untersucht werden."

Ist es einer Zecke gelungen, ihren Rüssel durch die Haut zu bohren, sollte der Parasit schnellstens mit einer Pinzette entfernt werden. Denn je länger er drin bleibe, um so wahrscheinlicher sei die Abgabe des Erregers, sagt Wilske. Falsch sei der früher oft gegebene Tipp, den kleinen Vampir mit Öl oder Klebstoff zu betäuben. Die Tiere geraten in Stress, und es wird befürchtet, dass sie dann noch mehr Sekrete und damit Krankheitserreger abgegeben.