N A C H R I C H T E N

21.03.2000

Kampfplatz Gesundheitsmarkt: Paradigmenwechsel und Suche nach Positionierung

Berlin/Düsseldorf/München/Köln (MEDI-Report) - Bei Ärzten und Krankenkassen mehren sich die Klagen über die Zustände im deutschen Gesundheitswesen. Gleichzeitig gelangt das bestehende System der gesetzlichen Krankenkassen an seine Grenzen und der Veränderungsdruck hinterlässt bei den Betroffenen zunehmend deutlicher schmerzhafte Schleifspuren. Nur Träumer können noch an den Fortbestand der bisherigen Solidargemeinschaft glauben.

Seehofer bietet parteiübergreifenden Konsens zu Gesundheitsreform an

Der Sozialexperte der Unionsfraktion, Horst Seehofer (CSU), hat der Bundesregierung "einen parteiübergreifenden Konsens zur Gesundheitsreform" angeboten. "Wir sind dazu bereit", sagte der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion der "Rheinischen Post" (Düsseldorf/Dienstausgabe).

Seehofer sprach sich erneut dafür aus, nach dem Vorbild der Auto-Versicherung künftig den Bürgern mehrere Krankenversicherungsmodelle zur Auswahl anzubieten. Wer bei Gesundheitsleistungen eine bestimmte Selbstbeteiligung zahle, solle dafür eine niedrigere Beitragslast haben. Wer seine Bagatell-Rechnungen selbst bezahle, erhalte dafür "einen Beitragssatz, der beispielsweise um zwei Prozentpunkte niedriger ist", so Seehofer. Man könne aber auch chinesische Medizin und alternative Heilmethoden versichern, wenn man bereit sei, dafür mehr Beitrag zu zahlen. "Wenn diese Wahlmöglichkeiten erste einmal bestehen, wird der Wettbewerb eine große Dynamik bekommen", sagte der CSU-Politiker.

Gesundheitsministerium: Positivliste bringt keine Verschlechterung

Das Bundesgesundheitsministerium hat Kritik und Befürchtungen zurückgewiesen, dass die geplante "Positivliste" für Arzneimittel Verschlechterungen für Patienten und Ärzte bringt. Künftig dürfen die Krankenkassen nur noch die in der Liste aufgeführten "zweckmäßigen Arzneimittel mit nachgewiesenem therapeutischen Nutzen" bezahlen. Die Bewertung soll eine Kommission von unabhängigen Wissenschaftlern vornehmen.

Die mit der so genannten kleinen Gesundheitsreform im Dezember letzten Jahres beschlossene Positivliste soll im Jahr 2002 die seit 1989 geltende Negativliste ablösen, die umgekehrt unwirksame und ungeeignete Mittel von der Kassen-Erstattung ausschloss. Durch eine Ergänzung sollen jetzt weitere 2.000 bis 3.000 Medikamente auf die Negativliste kommen - Kostenersparnis jährlich etwa 400 Millionen Mark bei einem Gesamtumsatzvolumen von rund 36 Milliarden Mark.

Experten des Ministeriums versicherten am Dienstag in Berlin, die Positivliste werde alle Medikamente enthalten, die für eine notwendige, ausreichende und wirtschaftliche Versorgung der Patienten sinnvoll seien. Mit der Positivliste solle nicht in erster Linie gespart werden, Hauptziel sei eine Verbesserung der Arzneimitteltherapie. In die ärztliche Therapiefreiheit greife die Liste nicht ein. Sie sorge vielmehr dafür, dass die Ärzte eine Hilfestellung für eine vernünftige und qualitativ gesicherte Arzneimittelversorgung bekommen. Auch neue Mittel würden, wenn sie die Bedingungen erfüllen, in die Liste aufgenommen.

Klagen über Gesundheitswesen - Stoiber für mehr Eigenverantwortung

Mit Blick auf die bei Ärzten und Krankenkassen sich mehrenden Klagen über die Zustände im deutschen Gesundheitswesen forderte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) mehr Eigenverantwortung in der Gesundheitsvorsorge.

Stoiber warnte am Samstag in München auf einer Feier zum 75- jährigen Bestehen der Vereinten Krankenversicherung vor einer Zwei- Klassen-Medizin. Dahin führe der von der rot-grünen Bundesregierung eingeschlagene Weg einer Obergrenze für die Ausgaben der Ärzte. Mit Hilfe einer breiten Steuerentlastung sei indes mehr private Vorsorge bei den Patienten durchaus möglich.

AOK-Chef: Jede zweite Röntgenuntersuchung überflüssig

Im deutschen Gesundheitssystem gibt es zu viel nicht notwendige Doppeluntersuchungen. Fast jede zweite Röntgenuntersuchung sei überflüssig, sagte der bayerische Vorstandsvorsitzende der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK), Helmut Platzer, in einem dpa-Gespräch. Dies sei nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch eine Frage der "menschlichen Gestaltung" der Patientenbehandlung.

Es sei den Patienten nicht länger zumutbar, von Arzt zu Arzt geschickt zu werden, die dann gleiche Untersuchungen wie Röntgenaufnahmen oder Blutabnahme wiederholen würden. In diesem System brauche der Patient die Kasse als Hilfe gegen die Ärzteschaft. Arzt und Patient seien nicht gleichstarke Partner. Deshalb sei ein "offener Markt" im Gesundheitswesen auch nicht zu befürworten.

Platzer bezeichnete die Kassenärztlichen Vereinigungen als "notwendige und kalkulierbare Partner" der gesetzlichen Krankenkassen. Sie müssten aber ihre "Monopolstruktur" reformieren. Dies gelte für das Honorierungssystem, damit medizinische Leistungen nicht doppelt abgerechnet würden. Ärzten sei es inzwischen möglich, direkt mit den Kassen abzurechnen. Diese Leistungen müssten aber aus dem Gesamtbudget ausgegliedert werden.

Den Vorschlag der Vertragsärzte, den Kassenarzt zu Gunsten eines "marktwirtschaftlich orientierten Gesundheitsmarktes" abzuschaffen, wies Platzer entschieden zurück. Diese Forderung entspringe einseitigen wirtschaftlichen Interessen der Ärzte, die am liebsten mit den Patienten wie mit Kunden privat abrechnen wollten. Dies habe sich aber bereits als "schlechte Erfahrung" mit der Zahnärzteschaft erwiesen. Der Patient brauche die Hilfestellung der Kassen als "korrigierende Parteilichkeit" gegen die Ärzteschaft, sagte der AOK- Chef.

Ärztekammer: Übermüdete Ärzte in den Kliniken

Eine "bis ans Unerträgliche reichende Verschlechterung der Arbeitsbedingungen" für Ärzte und Pflegekräfte in den Kliniken hat der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Prof. Jörg-Dietrich Hoppe, vorausgesagt. Vor Delegierten der Kammer begründete Hoppe am Samstag in Köln diese Prognose mit dem zunehmenden Rationalisierungsdruck, der auf Ärzten laste. Schon heute seien gesetzlich unzulässige Arbeitszeiten der Normalfall. In den Kliniken leisteten allein die Ärzte pro Jahr über 50 Millionen Überstunden ohne Bezahlung oder Freizeitausgleich. Übermüdete Ärzte seien den Patienten aber nicht zuzumuten, sagte Hoppe, der auch Präsident der Bundesärztekammer ist.

Hoppe beklagte, dass die Zeit der Ärzte für Gespräche mit den Patienten immer knapper werde. Das hänge mit dem wirtschaftlichen Druck zusammen, mit dem die Ärzte fertig werden müssten. Den Hausärzten drohten Regressforderungen wegen Überschreitungen bei der Verordnung von Arzneimitteln.