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21.03.2000 Kliniksterben und explodierende Kosten: Studie "Krankenhaus 2015" prognostiziert die Pleite fast jeder vierten KlinikFrankfurt/Main (Sandra Trauner) - Das Gesundheitswesen steht vor einer Revolution: Wenn eintrifft, was Frankfurter Unternehmensberater voraussagen, macht innerhalb der nächsten 15 Jahre fast jede vierte Klinik pleite, bis zu 40 Prozent der Betten werden abgebaut. Die Kosten für das Gesundheitswesen werden sich danach bis 2015 knapp vervierfacht haben. Gesetzliche Krankenversicherungen und staatlich finanzierte Kliniken wird es nicht mehr geben. Der ganze Sektor wird weitgehend privatisiert sein. Der Staat gewährleistet nur noch eine Grundversorgung. Wer als Patient mehr will, muss in die eigene Tasche greifen. So jedenfalls lautet die Vorhersage der Unternehmensberatung Arthur Andersen aus Eschborn bei Frankfurt.
Die Studie "Krankenhaus 2015", die im April veröffentlicht werden soll, zeichnet ein drastisches Szenario. 27 Experten aus allen Bereichen des Gesundheitswesens haben daran mitgewirkt. "Wir erheben nicht den Anspruch, in allen Details den Nagel auf den Kopf zu treffen, aber alle beteiligten Experten halten das Szenario für realistisch", sagt Andersen-Manager Rudolf Böhlke.
Die Kosten für das Gesundheitswesen explodieren stärker als bisher vorhergesehen, sagen die Berater. Heute werden dafür jährlich gut 500 Milliarden Mark ausgegeben, 2015 werden es nach der Studie 1,9 Billionen sein. Die Hauptgründe: der medizinische Fortschritt und die steigende Lebenserwartung. Den Löwenanteil werden danach die Patienten zahlen müssen: 30 Prozent der Kosten werden sie stemmen (heute sieben Prozent). Die öffentliche Hand wird nach Ansicht der Experten statt derzeit knapp 13 Prozent nur noch sieben Prozent beisteuern. "In absoluten Zahlen ausgedrückt werden die Kosten mit 133 Milliarden Mark dennoch mehr als doppelt so hoch sein wie heute", rechnet Andersen-Partner Thomas Spemann vor.
Das hat gravierende Auswirkungen auf die Kliniklandschaft: Nur rund 1.700 der heute 2.258 Krankenhäuser werden im Wettbewerb bestehen können, sagt die Studie voraus. 30 bis 40 Prozent der Betten fallen danach bis 2015 weg - vor allem weil durch effizienteres Arbeiten die Verweildauer von heute elf auf drei bis fünf Tage sinkt. Die restlichen Kliniken werden nach der Studie überwiegend in der Hand von privaten Anbietern sein, gemeinnützige Träger könnten sich mehr oder weniger behaupten. "Die großen Verlierer sind die öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser", meint Böhlke. Die Kliniken werden ihr Angebot in diesem freien Markt zunehmend differenzieren müssen: Wie bei Lebensmitteln wird es auch im Gesundheitswesen "Aldi" geben und das ökologische Reformhaus.
Wer den teureren Anbieter wählt, muss dafür selbst in die Tasche greifen: "Weg von der Pflichtversicherung, hin zur Versicherungspflicht", formulieren Spemann und Böhlke. Wie bei der Autoversicherung könne man auch bei der Krankenkasse wählen, ob man sich Voll- oder Teilkasko versichern will. Sie rechnen damit, dass es ein Bonus- und Malus-System geben wird ähnlich den gesonderten Tarifen für Garagen-Wagen oder Frauen-Autos.
Und wo bleibt der Staat? Der beschränkt sich 2015 auf die Formulierung von Rahmenbedingungen wie heute nach der Privatisierung der Telekom, sagt die Prognose. Eine steuerfinanzierte Grundversorgung werde es weiterhin geben, da sind sich die Unternehmensberater sicher. Amerikanische Verhältnisse sehen sie nicht. "Allerdings wird diese Grundversorgung unter dem heutigen Niveau sein", sagt Böhlke voraus.
Auch der Patient wird 2015 ein anderer sein: bestens informiert und kostenbewusst. Wenn es bei "simplen" Erkrankungen wie der jährlichen Grippe zwickt und zwackt, schließt er sich online mit seinem Arzt kurz. Der hat Zugriff auf in die zentral gespeicherten Patientendaten. Das Rezept schickt er online an die Apotheke und die liefert die Medizin dem Patienten nach Hause. "Halbgötter in Weiß" werden in keiner Nische des Gesundheitswesens überleben können, meinen die Experten. Nur echte Dienstleister hätten eine Chance auf dem Medizin-Markt.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), die 2.200 Kliniken mit zusammen rund 580.000 Betten vertritt, hält das Szenario durchaus für realistisch. "Der Trend geht bereits seit Anfang der 90er Jahre in diese Richtung", sagt Pressesprecher Lothar Kratz. Seitdem wurden bei permanent sinkender Verweildauer 150 Kliniken geschlossen und 100.000 Betten abgebaut.
DKG-Hauptgeschäftsführer Jörg Robbers befürwortet zwar mehr Markt für die Kliniken, jedoch nicht in unbegrenztem Umfang: "Das Gesundheitswesen ist nicht die Automobilbranche", mahnt er die Unternehmensberater. "Wettbewerbs-Elemente" seien sicher hilfreich, um die Kosten zu senken, die Krankenhäuser bräuchten aber weiterhin finanzielle Rückendeckung vom Staat, wenn sie ihren Versorgungsauftrag auch 2015 noch erfüllen sollen. |