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N A C H R I C H T E N

28.02.2000

Epidemie im elektronischen Zeitalter: "Die neuen Medien machen krank"

Augsburg (Can Merey) - Den Jungen erkennt man am "Nintendo-Daumen". So nennen Ärzte inzwischen die Finger-Verformung, die nach jahrelangem Spielen an den Computer-Konsolen eintritt. Die Schwester des Kleinen sitzt ständig vor dem Fernseher, deshalb ist ihre Motorik gestört, und auch ihre Sprache hat sich nicht richtig entwickelt. Die Eltern wiederum haben kaputte Augen, Gelenke und Muskeln. Lebenslange Bildschirmarbeit hat sie zu Invaliden gemacht.

Das ist keine virtuelle Monster-Familie, sondern Realität, meint der Augsburger Pädagogik-Professor Werner Glogauer. "Die neuen Medien machen uns krank", hat er sein jüngst erschienenes Buch genannt. Der Wissenschaftler beklagt: Die gesundheitlichen Folgen des Medienmissbrauchs seien die "Epidemien des elektronischen Zeitalters" geworden.

Das ständige Glotzen in Monitore oder Fernseh-Röhren verursache inzwischen einen Milliardenschaden im Gesundheitssystem, werde aber von Medizinern häufig nicht als Krankheitsursache erkannt. Vielen Ärzten sei gar nicht bewusst, dass Beschwerden ihrer Patienten auf Medienmissbrauch zurückzuführen sein könnten, sagt Glogauer. "Sie erkennen Symptome - etwa gerötete Augen, Unruhe oder eben auch den "Nintendo-Daumen" - oft nicht als Folge exzessiven Fernsehens oder Computer-Spielens." Besonders Kinderärzte fordert der Pädagoge zu einer "Medienanamnese" - also gezielter Diagnose - auf.

Der Grundstein für den Schaden wird seiner Auffassung nach schon bei den Jüngsten gelegt. "Die Vielseher unter den Kleinkindern sind teilweise über 40 Stunden in der Woche vor dem Fernseher", sagt Glogauer. Das zu lange Sitzen behindere ihre motorischen Entwicklung. "Die Fernsehkinder haben etwa Schwierigkeiten, Fahrrad fahren zu lernen, manche können nicht mehr balancieren oder rückwärts gehen." Und die Dauerglotzer wissen sich auch oft nicht altersgemäß zu artikulieren. Dass "quengelnde Kleine" zu oft vor dem Flimmerkasten ruhig gestellt werden, führe dazu, dass sich ihre Sprache nicht richtig entwickle. Eins von vier Kindern sei bereits betroffen, schätzt Glogauer.

Und wenn die ganz Kleinen die Glotze einmal ausschalten, dann oft nur, um sich an den Computer zu setzen - falls da nicht schon der ältere Bruder spielt. Glogauer hat für sein Buch mehr als 500 zehn- bis 17-jährige Schüler untersucht. Rund 60 davon entpuppten sich als exzessive Computerspieler, die 50 Stunden und mehr in der Woche vor dem Monitor verbrachten. Einzelne spielten manchmal zwei oder drei Tage pausenlos durch. Bei den virtuellen Dauerkämpfern wurden Schwindelanfälle, Kopfschmerzen oder das Zittern der Hände beobachtet. Aus der Gruppe, die Glogauer untersuchte, hatten einige der exzessiven Spieler bereits epileptische Anfälle erlitten.

Das Leben in der virtuellen Welt schließlich führe zur sozialen Isolation. Den Kindern seien Freunde nicht mehr wichtig. Gleichzeitig hätten sie das Gefühl, ohne Fernseher oder Computer "nicht mehr existieren zu können - eine klare Form der Sucht", sagt Glogauer. "Da wächst eine Generation heran, die geistig und körperlich nicht mehr belastbar ist."

Aber auch die Erwachsenen sind nach Ansicht Glogauers nicht viel vernünftiger als die Kinder. So schätzt er fünf Prozent aller Internetnutzer als süchtig ein. Die gesundheitlichen Folgen für Dauersurfer, die für Bildschirmarbeiter ebenso zutreffen, können etwa kaputte Gelenke und Muskeln, Schäden an Wirbelsäule, Rücken und den Augen, Schmerzen und Verspannungen in Schulter und Nacken sein. Der Medienkritiker prophezeit: "Viele werden früh zu Invaliden werden." Und er wirft den Großen vor, bei dem Schutz der Kleinen vor den Gefahren der neuen Medien zu versagen. "Den Erwachsenen ist gar nicht deutlich, was sie damit bei ihren Kindern anrichten."

Literatur:
Die neuen Medien machen uns krank. Beltz/Deutscher Studien Verlag Weinheim, 1999

 
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