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N A C H R I C H T E N

28.02.2000

Soziale Phobie oft erst spät erkannt: Jeder Zehnte leidet unter abnormer Schüchternheit

Berlin (MEDI-Report) - Etwa sieben bis zehn Prozent der Bundesbürger leiden nach Angaben von Psychologen mindestens einmal in ihrem Leben an übergroßer und behandlungsbedürftiger Schüchternheit. "Die so genannte soziale Phobie trifft Frauen etwas häufiger als Männer und tritt besonders in schwierigen Übergangssituationen wie Pubertät oder Berufswechsel auf", sagte Ulrike Willutzki von der Ruhr-Universität Bochum beim 13. Kongress für Klinische Psychologie am Montag in Berlin.

"Sozialphobie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die Betroffenen massiv daran hindert, ihre Ziele zu verfolgen", erläuterte die Psychologin. Beispiele seien die Angst vor dem Halten von Reden, der Teilnahme an Besprechungen, Partybesuchen und Prüfungen sowie die Unfähigkeit, zusammen mit anderen essen und trinken zu können. Ihr Kollege Thomas Heidenreich von der Universität Frankfurt/Main grenzte Sozialphobie von Schüchternheit ab. "Jeder Vierte ist schüchtern und ein bisschen ängstlich, aber sie gehen trotzdem in die schwierigen Situationen hinein und meistern sie letztendlich."

Nach Heidenreichs Erfahrung kommen mitunter auch hoch bezahlte Berufstätige in die Psychotherapie, weil sie fürchten, sich bei öffentlichen Auftritten eine Blöße geben zu können. In der Regel seien Sozialphobiker aber Menschen mit geringem Selbstwertgefühl. "Ihr Selbstbild lautet: Ich bin uninteressant, ich bin langweilig." Diese Sätze liefen wie ein ständiges Selbstgespräch im Hintergrund, sagte der Psychologe. "Sie können an sich nichts Positives finden."

Willutzki warnte davor, dass sich Sozialangst bei Jugendlichen verfestigen und über Jahre und Jahrzehnte fortsetzen könne. "Lange soziale Zurückgezogenheit kann sich zu Alkoholmissbrauch und Depression auswachsen." Die Therapie bestehe unter anderem darin, "Inseln positiver Selbstwahrnehmung" aufzusuchen. Sie berichtete von einem Mann, der an sich nur seine Größe von 1,82 Meter akzeptierte. Von dieser Entdeckung ausgehend gelang es, mehr und mehr gute Seiten zu entdecken und das Selbstwertgefühl zu stabilisieren.

Mitunter werde die Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, in eine psychotherapeutische Klinik zu gehen. Oft entsteht diese Frage aus der Erwartung, in einer Klinik die intensivere Behandlung zu erfahren. Dies treffe jedoch in aller Regel nicht zu, erklärte Dietmar G. Luchmann von der Stuttgarter Angstambulanz. Bei psychischen und Verhaltensproblemen erfordert eine wirksame Behandlung die Verbindung der aktiven Veränderung gedanklicher Verhaltensschemata mit dem praktischen Training im Alltag des Klienten. Dies könne am besten mit einer ambulanten Behandlung erreicht werden, die im jeweiligen Lebensraum des Klienten soziale Kompetenz und Sicherheit einübt.

 
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