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N A C H R I C H T E N
25.02.2000 Schweinezunge in Aspik? Im Gourmet-Land Frankreich greift die Angst vor dem Essen um sichParis (Sabine Heimgärtner) - "Kann man überhaupt noch ohne Angst essen?" Diese Frage einer der auflagenstärksten französischen Zeitungen muss Gourmets und Liebhaber der französischen Küche in Aufruhr versetzen. Französischer Käse, französische Gänseleber, französische Hummerpasteten - Frankreichs Küche und ihre Spezialitäten sind weltberühmt. Gegessen wird nicht, was auf den Tisch kommt, sondern was gehobenen Gaumen-Ansprüchen entspricht.
Bloß kein Fast-Food, wird gepredigt, bloß kein hormonbehandeltes Rindfleisch aus den USA, und bei holländischen Tomaten aus dem Schnellaufzuchtprogramm werden die Nasen gerümpft. Gerne wird in der Öffentlichkeit verschleiert, dass Frankreich in den vergangenen sechs Monaten seine eigenen Lebensmittelskandale hatte.
Die jüngste Affäre: Sieben Listeriose-Todesfälle, die - so berichten die französischen Medien - von der Pariser Regierung systematisch verschwiegen wurden. Selbst das Ministerium für Landwirtschaft räumt jetzt kleinlaut ein, nach dem ersten Fall der bakteriellen Erkrankung im vergangenen November sei "wegen diagnostischer Probleme und Unklarheit über die Herkunft der Bakterienstämme" kein Alarm gegeben worden - bis zum 2. Februar.
Da hatte die erste Infektionswelle mit sechs Fällen, darunter zwei tödlichen, bereits ihren ersten Höhepunkt erreicht. 30 Tonnen verseuchter Münster-Käse aus zwei elsässischen Käsereien und 192 Packungen verdorbenes Schmalzfleisch des Wurstherstellers Coudray waren bereits klammheimlich vom Markt genommen worden.
Inzwischen wird Schweinezunge in Aspik als wesentlich für die jüngste Welle von insgesamt 24 Listeriose-Erkrankungen in Frankreich verantwortlich angesehen. Das teilte die Gesundheits-Staatsekretärin Dominique Gillot am 22. Februar in Paris mit. Bei Nachforschungen des Instituts für Gesundheitskontrolle bei den erkrankten Personen zeigte sich, dass die meisten Schweinezunge in Aspik gegessen hatten. Die Produktmarke ist nach den Angaben noch nicht bekannt. Sieben Menschen sind durch die bakterielle Verseuchung ums Leben gekommen.
Zwei der sieben an Listeriose-Infektionen gestorbenen Opfer waren Neugeborene, die im Bauch der Mutter infiziert worden sind und wenige Tage nach der Geburt starben. Die übrigen Toten waren gebrechliche Menschen hohen Alters oder Personen, die bereits durch eine Infektion geschwächt waren. Krankheitsfälle gab es in insgesamt 19 Departements und dabei vor allem in Zentralfrankreich. Der jüngste Fall wurde in der Alpen-Region des Departements Isere entdeckt.
Am Pranger steht nun die Informationspolitik der zuständigen Ministerien Gesundheit, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Lakonisch berichteten die Agenturen, die fünf Todesfälle der zweiten Listeriose-Welle seit Anfang Februar seien nur auf Grund "einer undichten Stelle" bekannt geworden. "Die Verbraucher in Frankreich werden neuerdings wie unmündige Kinder behandelt, alles wird total verheimlicht", beschwerte sich der Vertreter eines renommierten Ärzteverbandes, der anonym bleiben wollte.
Ähnliche Vorwürfe hagelte es bereits in den vergangenen Monaten. Immer noch ist unklar, wie ausgerechnet in Frankreich ein verdächtiges Rind ohne Kontrollen und Papiere auf den Schlachtertisch gelangen konnte, wo sich die Regierung doch strikt weigert, wegen der Rinderseuche BSE auch nur ein Gramm britisches Rindfleisch ins Land zu lassen.
Als unbefriedigend wurden auch die Erklärungen im vergangenen Juni aufgenommen, als Hunderte von Menschen nach dem Genuss von Coca-Cola über Übelkeit klagten. Geklärt sind die Krankheitsfälle noch immer nicht. Möglicherweise seien die Dosen der Abfüllfabrik im französischen Dünkirchen (Dunkerque) mit einem Mittel gegen Pilzbefall in Kontakt gekommen, hieß es von Seiten der Behörden. Auch von Rattengift und Holzschutzmittel war die Rede, vorher ließ die Regierung in einer Blitz-Aktion 50 Millionen Cola-Dosen vom französischen Markt nehmen.
Nicht minder spektakulär: Die Beschlagnahmung von 800 Hektoliter Rotwein aus Südfrankreich, denen offenbar Ochsenblut als Farbstoffmittel beigemischt war sowie mit Klärschlamm verunreinigte Tiermehle, die in der Bretagne an für den Fleischhandel bestimmte Schweine verfüttert wurden. Gleichzeitig, im Sommer 1999, machte der Dioxin-Skandal Schlagzeilen. Über hundert französische Geflügelzuchtbetriebe mussten vorübergehend geschlossen werden, weil die Tiere mit möglicherweise dioxin-belastetem Futter aus Belgien gefüttert worden waren. Auch hier gab es heftige Kritik an der Regierung: Statt eine Warnung per Fax aus Brüssel gleich zur Kenntnis zu nehmen, hätten die Behörden erst vier Wochen später reagiert.
Aus der Traum vom Schlemmerparadies Frankreich? Im Land, wo Bauern und Genießer wegen der angeblich schlechten Qualität importierter Lebensmittel auf die Barrikaden gehen, McDonald's-Restaurants stürmen und tonnenweise importiertes Obst vor Rathäusern abladen, müssen sich die Verantwortlichen auf härtere Zeiten einstellen. Die französischen Verbraucher wollen sich nicht mehr alles bieten lassen und vor allem so weiter essen wie früher: Gut und ohne Risiko. |