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N A C H R I C H T E N
24.02.2000 Der Mensch als Maschine? Sloterdijk gegen "Monsterfurcht" bei Embryonen-PatentKarlsruhe (dpa) - Die Vergabe eines Patents auf gentechnisch veränderte menschliche Embryozellen ist nach Ansicht des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk die "logische Fortsetzung unserer Zivilisationsgeschichte". Wenn sich die bestehende "Monsterfurcht" und die Sorge um eine neue "Gensklaverei" ausräumen ließen, könne man mit größerer Ruhe auf die Entwicklung der Gentechnik schauen, sagte Sloterdijk in einem dpa-Gespräch. Er sprach sich für einen "wohltemperierten Kompromiss" mit der Gentechnik aus.
Der Philosoph sieht die Menschheit in einer Entscheidungsphase. "Der Dammbruch wurde aber schon vollzogen, als im 15. Jahrhundert Anatomen begannen, den Körper nicht mehr als Tempel des Heiligen Geistes anzusehen, sondern als Maschine, die in Teile zerlegbar ist." Für Maschinen könne man Patente vergeben. Wenn nun das Europäische Patentamt ein Patent auf ein Verfahren zur Gen-Manipulation menschlicher Stammzellen und Embryonen erteilt habe, so sei dies in der traditionellen europäischen Wissenschaftskultur angelegt. Sloterdijk: "Was ist der Körper nach dieser Auffassung, wenn nicht eine von der Natur gebaute Maschine?" Gene seien lediglich eine Art von Eiweiß-Schreibmaschine.
Tiere und Pflanzen, aber auch Menschen sind laut Sloterdijk - wenn auch unbewusst - schon immer "gezüchtet" worden, Menschen vor allem durch die Wirkung von Heiratsregeln, selektiven Erziehungssystemen oder durch Kindersterblichkeit. "Wir sind die erste oder vielleicht die zweite Generation der Menschheitsgeschichte, die sich die Illusion einer völligen Abwesenheit von Selektion leisten konnte." Dies sei auch der Hintergrund der heftigen Reaktionen, die seine Rede "Regeln für den Menschenpark" ausgelöst habe. Seine Ausführungen über Möglichkeiten und Gefahren von Menschenzucht im Biotechnik-Zeitalter hatten im vergangenen Herbst für heftige Reaktionen gesorgt.
"Das Problem heute ist, dass für genetische Innovationen die Bewährungsfrist wegfällt", sagte Sloterdijk. Alle bisherigen historischen Züchtungsprodukte seien einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt gewesen. Was sich über lange Zeit durchgesetzt habe, konnte als bewährt gelten. "Das Gefährliche ist, dass wir heute so darauf los fabrizieren können." Der Mensch habe mit der neuen Technik unmittelbaren Zugang zur Schöpfung bekommen. Der über Jahrhunderte gehende "Existenztest" entfalle. "Viel stärker als früher stehen die Züchter deshalb im Verdacht, heute Monsterproduktion zu betreiben", sagte Sloterdijk.
Sloterdijk ist Professor für Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Seine Rede "Regeln für den Menschenpark" hatte im Herbst 1999 eine heftige Debatte über Chancen und Risiken der Gentechnologie ausgelöst. Kritiker warfen Sloterdijk vor, sich nicht von dem Missbrauch der Gentechnik durch die Nationalsozialisten distanziert zu haben. Das Europäische Patentamt hatte die Erteilung des Patents auf gentechnisch veränderte menschliche Embryozellen am Montag als Fehler bedauert. |