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N A C H R I C H T E N

23.02.2000

Windpocken-Neuauflage: Stärkung des Immunsystems beugt Gürtelrose vor

Marburg (Sandra Hoffmann) - Windpocken jucken ganz fürchterlich, sind ziemlich ansteckend und hinterlassen manchmal ihre Narben. Aber zum Glück kann sie jeder Mensch nur einmal bekommen, und zwar als kleines Kind. - Wer so denkt, ist im Irrtum: Windpocken kehren oft viele Jahre später zurück - in Form der Gürtelrose, eines schmerzhaften Hautausschlags, der sich bandförmig entlang der Nervenbahnen am Körper ausbreitet.

Während Windpockenbläschen meist ohne Komplikationen verschwinden, erweisen sich die eigentlichen Krankheitserreger als zäher. "In den Nervenzellen des Rückenmarks können sie Jahrzehnte überdauern", sagt Corinna Rohreit vom Deutschen Grünen Kreuz in Marburg. "Ist das Immunsystem des Körpers geschwächt, kommen sie wieder hervor".

Bereits einige Zeit bevor die ersten Bläschen auftauchen, fühlen sich Betroffene normalerweise abgeschlagen, leiden unter leichtem Fieber und Gliederschmerzen. "Die entsprechenden Hautgebiete beginnen oft etwa zwei Tage vorher zu brennen", sagt Diethard Sturm aus Hohenstein-Ernstthal, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Sachsen.

In den wenigsten Fällen werden diese Symptome von Laien schnell genug als die ersten Anzeichen von Gürtelrose gedeutet. "Die Leute reiben häufig einfach die betroffenen Gebiete ein und glauben dann eine Allergie zu haben", beobachtet Sturm immer wieder. Doch von Selbstmedikation mit Salben, Pasten und anderen Hausmittelchen sollte man die Finger lassen. "Spätestens, wenn sich die ersten Bläschen zeigen, muss man unbedingt zum Arzt. Er kann die Gürtelrose mit so genannten Virostatika behandeln, die die Vermehrung der Viren stoppen und so das Aufblühen weiterer Bläschen verhindern", erklärt Sturm.

Bekommt die Gürtelrose die Chance, sich frei auszubreiten, sind die Folgen extrem schmerzhaft und unangenehm. Vom Rückenmark in der Wirbelsäule ausgehend gelangen die Viren bis zu den Nervenenden und verursachen dort einen Ausschlag, der meist gürtelförmig um den halben Brustkorb oder den halben Bauch herum wächst. In besonders schweren Fällen können die Bläschen aber auch beidseitig auftreten oder sich sogar im Gesicht oder auf der Augenhornhaut ausbreiten.

Und selbst wenn die Bläschen wieder abgeheilt sind - noch nach Jahren werden einige ehemalige Gürtelrose-Patienten von stechenden Schmerzattacken gepeinigt. Um diese Anfälle etwas erträglicher zu machen, werden zusätzlich zu den Virostatika meistens begleitend Schmerzmittel verordnet. Zudem müssen in der akuten Phase natürlich die Bläschen behandelt werden. "Dafür gibt es einige homöopathische Präparate, die das Austrocknen und Abheilen der Bläschen fördern", sagt Eckhard Bonnet, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, der in Reutlingen eine Praxis für Naturheilverfahren betreibt.

Aber bei der Behandlung der Gürtelrose allein sollte man es seiner Meinung nach nicht belassen. "Eine Gürtelrose tritt nur dann auf, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Sei es durch eine Infektion, durch Umweltschadstoffe, seelischen Stress oder körperliche Überlastung", warnt Bonnet. "Eine sinnvolle Behandlung muss deshalb auch das Immunsystem stärken."

Auch fortgeschrittenes Alter kann der Grund für ein angegriffenes Abwehrsystem sein. Betroffen von der Gürtelrose sind in Deutschland vor allem Senioren zwischen 60 und 70 Jahren. Bricht die Krankheit bei jüngeren Leuten aus, sollte sie als ernstes Alarmzeichen gesehen werden. Häufig verbirgt sich dahinter eine weitaus schwerwiegendere Erkrankung. "Manchmal entdeckt man beispielsweise erst auf diesem Wege eine Krebserkrankung", sagt Bonnet. Aber auch Diabetes oder HIV-Infektionen kommen zum Teil erst durch Gürtelrosen ans Licht.

Oft aber sind die Auslöser weniger gravierend und liegen schlicht in zu hektischen, unausgeglichenen Lebensgewohnheiten. "Im Prinzip ist es reines Schicksal, wenn einen die Gürtelrose trifft. Mit mangelnder Hygiene etwa hat das überhaupt nichts zu tun", räumt Corinna Rohreit mit eventuellen Vorurteilen auf.

Im Vergleich mit den Windpocken ist die Ansteckungsgefahr für die Umgebung bei Gürtelrose deutlich geringer. Dennoch sollten einige Risikogruppen einen Sicherheitsabstand wahren. Für Menschen, die schwer an Neurodermitis oder Leukämie leiden oder deren Immunsystem nach einer Organtransplantation geschwächt ist, können die an sich weitgehend harmlosen Erreger lebensbedrohlich sein.

Abgesehen von der Stärkung der körpereigenen Abwehr gibt es nur eine Art der Vorbeugung gegen die Windpocken-Erreger: rechtzeitige Impfung. Da die Krankheit normalerweise harmlos verläuft, muss aber nur in wenigen Ausnahmefällen zur Spritze gegriffen werden. "Diese Impfung wurde ursprünglich für Leukämie kranke Kinder entwickelt", erklärt Corinna Rohreit. "Inzwischen wird sie aber auch anderen Risikogruppen mit geschwächtem Immunsystem angeraten".