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N A C H R I C H T E N

20.02.2000

Arzneien zum Niedrigpreis: US-Senioren strömen in Kanadas Apotheken

Seattle (Tilman Streif) - Magengeschwüre, Bluthochdruck, Arthrose. Für einen großen Teil der US-Senioren ist die Milderung dieser Leiden eine schwere finanzielle Belastung. Denn häufig müssen sie ihre Medikamente komplett aus der eigenen Tasche bezahlen. Und um Geld zu sparen, nehmen sie immer öfter längere Reisen über die Landesgrenze in Kauf.

Rund 39 Millionen Menschen werden in den USA über das staatliche Medicare-System medizinisch versorgt. Das Programm für Alte und Behinderte deckt allerdings den Kauf von Medikamenten nicht ab. Nötig sind dafür teure Zusatzversicherungen, die sich viele Patienten unter den einkommensschwächeren Medicare-Nutznießern nicht leisten können. Die Zahl dieser unterversicherten Rentner mit großem Medikamentenbedarf liegt nach Schätzungen von Seniorenverbänden bei über 15 Millionen.

Die 73 Jahre alte Viola Quirion aus Waterville im Bundesstaat Maine zum Beispiel lebt von einer bescheidenen Rente von monatlich 900 Dollar. Etwa ein Viertel dieses Betrags muss sie für Arzneimittel-Rechnungen ausgeben. Ein Kamerateam des TV- Nachrichtenmagazins "60 Minutes" begleitete unlängst Quirion und andere Senioren bei einer höchst ungewöhnlichen Demonstration.

Die US-Altenorganisation "National Coucil of Senior Citizens" (NCSC) mietete mehrere Busse an, und in ihnen wurden NCSC-Mitglieder über die kanadische Grenze gefahren. Dort konnten sie dann preisgünstig einkaufen. Örtliche Apotheken boten Medikamente zu Preisen, die bis zu 50 Prozent unter denen in den USA lagen.

Zu diesem Gefälle trägt der zur Zeit für US-Bürger extrem günstige Kurs des kanadischen Dollar bei. Außerdem erzwingen staatliche Gesundheitsbehörden in Kanada niedrigere Medikamenten-Preise. Aber die Hauptursache für den regen Medikamenten-Grenzverkehr, der auch im Süden der USA an der Grenze zu Mexiko stattfindet, sehen viele Experten in überhöhten US-Preisen.

Nur große Gesundheitsversorger der USA wie etwa die privaten Health Maintenance Organizations (HMO) erhalten von der pharmazeutischen Industrie Medikamente zu Sondertarifen. Das sei ein ganz normaler Mengenrabatt, sagt der Verband der Pharmahersteller "Pharmaceutical Research and Manufacturers of America" (PhRMA). Allein in diesem Jahr würden außerdem 24 Milliarden Dollar in die Forschung gesteckt, und solche Investitionen müssen die Apotheken-Kunden eben mittragen.

Die NCSC und amerikanische Verbraucherschützer wie etwa die Organisation "Public Citizen" glauben dieser Argumentation nicht. Sie sehen die erzwungenen Kurzreisen, mit dem Medicare-Patienten ihre Apotheken-Rechnungen um Hunderte von Dollar reduzieren, als Skandal an. "Public Citizen" unterstützt deshalb ein Gesetz, über das derzeit in Washingtoner Kongress-Ausschüssen beraten wird. Es fordert mehr Fairness bei den Medikamentenpreisen und will die Pharmaindustrie zwingen, Medicare-Patienten hohe Rabatte einzuräumen.

Um für den von der Pharmaindustrie energisch bekämpften Gesetzesvorschlag zu werben, nutzte "Public Citizen" auch den aktuellen Wahlkampfrummel. Alle Präsidentschaftsbewerber wurden vor der wichtigen Vorwahl im Grenzstaat New Hampshire angeschrieben und zu einer demonstrativen Busfahrt zum Medikamenteneinkauf im nahe gelegenen Montreal eingeladen. Das Thema war den Kandidaten aber dann wohl doch zu kontrovers. Keiner der Bewerber fuhr mit.