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N A C H R I C H T E N

20.02.2000

Gefolterte Flüchtlinge: Behandlungszentrum in Lindau hilft den Opfern

Lindau (Can Merey) - Als die Polizisten mit den Stromstößen aufhörten und die Kabel von Abduls Körper entfernten, war seine Erleichterung für einen Moment größer als die Angst. "Ich hatte kurz die Hoffnung, frei gelassen zu werden", gibt der 32-jährige zu Protokoll. Doch dann wurde in dem fensterlosen Folterkeller irgendwo in seiner Heimat alles nur noch schlimmer: Die Polizisten hängten ihn mit den Händen an ein Kreuz und schlugen mit Knüppeln auf ihn ein.

Vor der Tür des Lindauer Behandlungszentrums für Folteropfer, in dem der inzwischen nach Deutschland geflohene Abdul den Therapeuten seine Geschichte erzählt hat, ist es ein sonniger Wintertag. Auf dem Bodensee einige hundert Meter entfernt schnappen Schwäne nach den Brotstückchen der Spaziergänger. Auf der anderen Straßenseite des Hauses, das das Behandlungszentrum beherbergt, spielen Kinder auf einem Schulhof. Hinter der geräuschisolierten Tür des Therapieraumes hört die Idylle auf.

Dort haben Dutzende gequälte Menschen aus den verschiedensten Ländern den ehrenamtlichen Mitarbeitern des Zentrums - darunter auch ein Arzt, ein Psychologe und zahlreiche Dolmetscher - von ihren grausamen Erlebnissen berichtet. Etwa der 36-jährige, den die schrecklichen Erinnerungen verfolgen: Er war drei Jahre lang in einen Raum ohne Fenster, ohne Licht und ohne Toilette eingesperrt. Oder dem 46-jährigen, dem heute noch jeder Atemzug wehtut: Seine Peiniger hatten ihm im Winter immer wieder Eisblöcke auf den Brustkorb gelegt.

Der Therapeut Axel von Maltitz kennt aus den Erzählungen seiner Patienten die verschiedensten Foltermethoden - die letztendlich alle denselben Zweck haben: "Die Menschen sollen eingeschüchtert werden. Man nimmt die Mutigsten von denen, die aufbegehren, um sie nach der Folter als willenlose Mumien ins Volk zu entlassen", sagt der 46-jährige Therapeut. Er und seine Frau Gisela von Maltitz haben das Behandlungszentrum für Folteropfer vor knapp fünf Jahren gegründet. Das Projekt wächst stetig: Die Nachfrage ist groß.

Was nach den Qualen bleibt, sind außer körperlichen vor allem seelische Wunden. Um sie zu heilen, bedarf es neben medizinischer Versorgung auch psychotherapeutischer Hilfe. "Die Opfer leiden etwa unter Schlafstörungen, Albträumen und Kopfschmerzen. Oder sie ziehen sich zurück und werden depressiv", sagt Axel von Maltitz. Sie versuchten, das Erlebte aus dem Bewusstsein zu verbannen.

"Mit dem verdrängten Ereignis ist es dann wie mit einem Geschwür unter der Haut", beschreibt der Ehrenamtler. "Wenn man es nicht berührt, schmerzt es kaum. Sobald man aber herankommt, tut es sehr weh." Über Gespräche versuchen die Therapeuten, die Opfer bei der Verarbeitung des schrecklichen Ereignisses zu unterstützen. "Die Therapie ist wie ein Aufschneiden des Geschwürs. Es schmerzt kurz sehr heftig. Dann aber lässt der Schmerz nach. Zurück bleibt eine Narbe, mit der man leben kann."

Ob der 32-jährige Abdul jemals nur eine seelische Narbe von den Stromstößen, der Kreuzigung und den Schlägen davon tragen wird, ist vorerst dahingestellt. Er kam nach Lindau, damit das Behandlungszentrum ein Gutachten über seine Leiden erstellen kann - weil er Deutschland verlassen soll. Es wäre das zweite Mal, dass er aus der Bundesrepublik abgeschoben würde. Beim ersten Mal, so hat Abdul es Gisela von Maltitz erzählt, sei er nicht einmal bis zu seiner Wohnung gekommen. Die Folterknechte wussten von seiner Rückkehr: Sie holten ihn vom Bahnhof ab.