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N A C H R I C H T E N
20.02.2000 Penis bei weiblichen Schnecken: Regierung will Organozinn-Gifte in Textilien verbietenKöln (dpa / MEDI-Report) - Bundesumweltminister Jürgen Trittin will das hochgiftige Tributylzinn (TBT) und alle anderen ebenfalls giftigen Organozinn-Verbindungen in Textilien und Desinfektionsmitteln verbieten. Das sagte der Minister dem ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus" (Sendung am Dienstag, 22.02.2000, um 21.55 Uhr). Sein Ministerium reagiere damit auf einen Bericht des Wirtschaftsmagazins, sagte Trittin.
Auch mehrere Textilhersteller kündigten gegenüber "Plusminus" an, ihre neuen Produkte seien bald frei von Organozinn-Verbindungen. Anfang Januar hatte das ARD-Magazin aufgedeckt, dass in Sporttextilien und Haushaltsgegenständen ohne Wissen der Verbraucher Organozinn-Gifte enthalten sind und eine breite, öffentliche Diskussion entfacht.
Textilien mit antimikrobiellen Substanzen können gesundheitliche Risiken wie Allergien in sich bergen. Darauf machte der Leiter des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene an der Universität Freiburg, Franz Daschner, aufmerksam. Der Mediziner reagierte damit auf den Wirbel um chemisch belastete Textilien. Unter anderem in Trikots des Sportartikelherstellers Nike waren Spuren des giftigen Tributylzinns (TBT) gefunden und daraufhin vom Markt genommen worden. Daschner forderte eine Kennzeichnungspflicht für Inhaltsstoffe und riet, auf den Kauf betroffener Textilien zu verzichten.
Sämtliche von den Herstellern behaupteten Vorteile durch den Einsatz antibakterieller Substanzgruppen in Textilien seien bislang unbewiesen, sagte Daschner. Ein Argument der Hersteller für ihren Einsatz sei zum Beispiel die Verrottungsfestigkeit. Als Beweis würden einfache Hemmtests vorgelegt, die wirklichkeitsfremd und "Primitivmethoden der Bakteriologie" seien. Auch der angeführte geruchshemmende Effekt wird von Daschner bestritten, denn unangenehme Gerüche entstehen durch den Abbau organischer Substanzen. Das bedeute für Textilien, dass diese schlicht schmutzig seien. Ein solches Problem werde nicht durch antibakterielle Substanzen, sondern durch eine Waschmaschine behoben.
Nicht zuletzt verschlechtere sich durch den Einsatz dieser Chemikalien das Umweltprofil über die gesamte Produktlinie. So sei das häufig eingesetzte Triclosan schlecht abbaubar und gelte als Dioxinquelle. Sollte sich zudem etwa durch das Tragen der Textilien eine Veränderung der Hautflora ergeben, könne dies Pilzinfektionen nach sich ziehen.
Organozinn-Verbindungen können bei Tieren Missbildungen auslösen. Insbesondere TBT verursacht bei Meerestieren bereits in kleinsten Konzentrationen hormonähnliche Wirkungen, die zum Aussterben ganzer Arten geführt haben. Im Laborversuch ist eine Hormonwirkung auch an menschlichen Zellen nachgewiesen worden. Bislang hatte die Bundesregierung lediglich geplant, die Verwendung von TBT in Schiffsanstrichen zu verbieten. TBT soll das Festsetzen von Algen und Schnecken an den Rümpfen verhindern.
Der Wirkstoff TPT wird in der Landwirtschaft als Pestizid im Kartoffel-, Zuckerrüben-, und Erdbeeranbau eingesetzt und gelangt so in Grundwasser, Binnengewässer und Flüsse. Schon in einer Konzentration von wenigen Milliardstel Gramm pro Liter ist TPT umwelthormonell wirksam, wie eine Studie am Internationalen Hochschulinstitut in Zittau gezeigt hatte.
Die giftige zinnorganische Verbindung kann nach Ansicht von Wissenschaftlern das Immunsystem schädigen. Laut Umweltministerium greift es auch in den Hormonhaushalt ein. Bei Meeresschnecken sei es in Versuchen schon bei einem Milliardstel-Gramm TBT pro Liter zu Missbildungen gekommen: Weibliche Tiere hätten zusätzlich einen Penis bekommen und seien unfruchtbar geworden. Nach Angaben des Umweltexperten Winfried Hermann (Die Grünen) sind in Nordsee und Wattenmeer schon ganze Artenbestände bei Schnecken gefährdet.
Versuche an Zellkulturen hätten gezeigt, dass TBT auch auf das Hormonsystem des Menschen wirke. "Eine Gefährdung des Menschen ist daher nicht ausgeschlossen", erklärte das Umweltministerium. Auch Gesundheitsministerium Andrea Fischer (Grüne) sagte der Bild-Zeitung: "Neue Untersuchungen zeigen, dass der Stoff schon in geringen Mengen gesundheitsschädlich sein kann".
In Rhein und Elbe sei die TPT Konzentration mittlerweile schon so hoch wie die des Giftstoffs Tributylzinn (TBT), sagte Andreas Gies, Fachgebietsleiter im Umweltbundesamt. Vor allem bei Fischen und Muscheln aus belasteten Gewässern wurden laut Umweltministerium nicht akzeptabel hohe TBT-Werte gemessen. TBT werde zu 80 Prozent als Antifouling-Mittel bei Schiffsanstrichen verwendet und dringe so in die Nahrungskette ein.
Das Umweltministerium hatte nach Bekanntwerden TBT-Belastung erklärt, die Verwendung von TBT in Bedarfsgegenständen wie Bekleidung, Leder, Papier und Holz künftig zu untersagen. Zudem will es den Einsatz von TBT und anderen zinnorganischen Verbindungen bei Schiffsanstrichen notfalls auch im nationalen Alleingang verbieten. Zugleich will sich Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) für ein weltweites Verbot einsetzen.
Zwar hat die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO bereits vorgeschlagen, die Verwendung zinnorganischer Verbindungen bei Schiffsanstrichen ab dem 1. Januar 2003 zu verbieten. Diesem Verbot müssen jedoch eine Reihe von Staaten zustimmen. Trittin fürchtet daher, dass ein weltweites Verbot auf sich warten lässt. |