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N A C H R I C H T E N
18.02.2000 Vergifteter Lebensraum: Die rumänische Bergbauregion Baia MareBaia Mare (Kathrin Lauer) - In der rumänischen Bergbauregion Baia Mare ist nahezu alles vergiftet, was nur vergiftet sein kann: Boden, Luft und Wasser sind durch den jahrhundertelangen Bergbau und durch zwei Chemiewerke in den letzten 50 Jahren verseucht. Ein Drittel der Bevölkerung von Baia Mare leidet an chronischer Bronchitis, mehr als 500 neue Fälle der hirnschädigenden Bleikrankheit (Saturnismus) kamen allein im vergangenen Jahr hinzu. Ausgelöst wird diese durch zehntausende Tonnen Bleistaub aus den Schloten vom Blei-Werk "Romplumb" und Schwefeldioxid vom Chemiewerk "Phoenix", die unentwegt auf die Bevölkerung niederregnen.
Nach der Cyanid-Katastrophe fühlen sich die Menschen einmal mehr verraten und verkauft. "Nichts haben sie uns gesagt", schimpfen die örtlichen Bauern. "Unsere Kühe sterben auf den Weiden. Und schauen Sie uns an, wie schlechte Zähne wir haben." "Todesmaschine", heißt die Bergbau-Anlage "Aurul" im Volksmund, deren Cyanid und Schwermetall haltige Abwässer vor zwei Wochen die Umweltkatastrophe in den Flüssen Somes, Theiß und Donau ausgelöst hatten.
Während die Bauern behaupten, es habe schon im vergangenen Herbst drei Cyanid-Unfälle bei "Aurul" gegeben, geben die Behörden nur zu, dass am 21. September Gift ausgeflossen sei. Damals wurde die Rohrleitung repariert, durch die der mit Cyanid behandelte Schlamm in das Klärbecken transportiert wird. Zwei Kühe verendeten auf einer nahe gelegenen Weide. Die Bauern haben dafür von "Aurul" 13 Millionen Lei (rund 1.400 Mark) pro Kuh als Entschädigung bekommen. Dies ist mehr als der doppelte Marktpreis für eine Kuh. Mancher verstand daher auch den Betrag als eine Art Schweigegeld.
Fünf Brunnen in der Region gelten offiziell als cyanidvergiftet - mit einer 20 Mal höheren Konzentration als zulässig. Die Bauern aber trauen keinen amtlichen Verlautbarungen mehr. Sie testen ihre Brunnen, indem sie Fische hineinwerfen und warten, ob diese danach leblos, mit dem Bauch nach oben, wieder auftauchen. Es scheint eine unendliche Geschichte zu sein: Die Cyanid-Brühe schwappte beim Dammbruch vor drei Wochen auf 20 Hektar Weideland im Umkreis über. Und - so meinen die Bauern - dies könne immer wieder geschehen.
Die Verseuchungen in Baia Mare sind so vielfach und so alt, dass es selbst bei sofortiger Schließung aller Dreckschleudern Jahrzehnte dauern würde, bis sich die Region erholt: Meter tief ist die Erde mit Schwermetallen durchsetzt. Das Flüsschen Sasar, in dem alle Bergbau- Abfälle landen, gräbt sich als braun-gelbe Brühe seinen Weg durchs Weideland neben Baia Mare und durch die Stadt. Die schmutzige Fracht ergießt sich in den Lapus-Fluss, der zur Somes fließt. Von dort fanden die Tod bringenden Abwässer den Weg in die Theiß und schließlich in die Donau.
Neben der übergeschwappten Unglücks-Kläranlage von "Aurul" gibt es weitere fünf alte Klärbecken mit Cyanid behandeltem Restgestein. Der "Aurul"-Schutzdeich lässt beim unkundigen Betrachter Zweifel aufkommen. Körnige Erdmassen aus taubem Bergwerks-Gestein, ohne Zusätze wie Beton oder Zement, bilden den Beckenrand. Nur wenige Meter trennen den Wasserspiegel vom Deich-Rand. Im Volksmund wird die Anlage auch als "angeschlagene Kaffeetasse" bezeichnet.
In der Bevölkerung fragt man sich, ob das Genehmigungsverfahren für das erst vor einem halben Jahr in Betrieb genommene Klärbecken einwandfrei war. Misteriös bleibt auch, warum der australische Manager von "Aurul",Phil Evers, am 28. Januar ohne offizielle Begründung kündigte. Das war zwei Tage vor der Katastrophe. Öffentlich bekannt wurde sein Schritt aber erst Tage danach. |