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N A C H R I C H T E N
17.02.2000 Mit Rippenbruch am OP-Tisch: In der Ukraine sind Ärzte noch HeldenKiew (Stefan Voß) - Diesen Bereitschaftsdienst wird der Chirurg Wassili Pytlyk nie vergessen. Auf dem Weg zu einer Notoperation in der Klinik stürzte der ukrainische Arzt vor seinem Haus in einen offenen Kanalschacht und brach sich Fuß und Rippen. Keine Stunde später flickte Pytlyk am OP-Tisch eine geplatzte Harnblase zusammen. In der Ukraine zählen die Ärzte noch zu den Helden des Alltags - ohne regelmäßige Gehaltszahlungen. Und auch von Acht-Stunden-Tagen können sie nur träumen.
"Wenn ich arbeite, vergesse ich alles um mich herum", zitierte die Kiewer Tageszeitung "Fakty" am Freitag den schwer verletzten Chirurgen. Nach der Operation verlor Pytlyk das Bewusstsein. Nun liegen Patient und Arzt auf der gleichen Krankenstation in Kalusch.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann in der Ukraine die Talfahrt des Gesundheitssystems. Noch immer garantiert die Verfassung eine kostenlose Gesundheitsversorgung. Doch der Staat ist pleite, die Kranken müssen für jede Spritze und jede Pille bezahlen. Im Alltag ist das eine erniedrigende Prozedur für Doktor und Patienten.
Auf dem Land bekommen Mediziner seit zwei Jahren kein Gehalt mehr. Wer zum Arzt geht, bringt ein geschlachtetes Huhn oder ein paar Eier mit. In den Polikliniken ist die Technik meist älter als die Krankenschwestern. Und trotzdem: In schwierigen Situationen geben die meisten Ärzte ihr Bestes.
Notfälle gehören im zweitgrößten Land Europas zum Alltag. Als in der Westukraine bei einer schwierigen Klinikgeburt der Strom ausfiel, mussten die Gynäkologen auf die Feuerwehr zurückgreifen. Mit den Scheinwerfern eines alarmierten Löschfahrzeugs wurde die Geburt durch ein Fenster des OP-Saals beleuchtet.
Verzweifelte Menschen auf den Krankenhausfluren, fehlende Medikamente und ungezählte unbezahlte Arbeitsstunden lassen viele Mediziner verzweifeln. "Ich nehme keinen Urlaub mehr", sagt der Kiewer Professor Michail Sinkowski. "Wäre ich erholt, könnte ich den Alptraum hier nicht mehr ertragen."
Der erfahrene Chirurg bietet schwierige Herzoperationen schon für 300 US-Dollar an. Wenn die Eltern herzkranker Kinder bei dieser Summe zögern, wird Sinkowski direkt: "Eine Beerdigung mit Sarg und Grab kommt teuer als eine Operation. Mit den Ärzten kann man immer noch verhandeln." Das sei kein Zynismus, sondern Realität, sagt Sinkowski.
Der Ruhm ukrainischer Spezialisten reicht bis in den US-Staat Ohio. Dort träumt der Neurochirurg Robert White davon, mit ukrainischen Kollegen Menschenköpfe auf fremde Körper zu setzen. Die erste Transplantation möchte er in Kiew durchführen. "Dort gibt es fantastische Operateure", schwärmt White.
Doch manchmal sind die ukrainischen Mediziner schon bei scheinbar harmlosen Eingriffen machtlos. In der südukrainischen Stadt Nikolajew mussten die Ärzte hilflos mitansehen, wie ein kleines Mädchen unter schrecklichen Umständen ums Leben kam. Der Bronchitis-Kranken war im vergangenen Winter vor dem Röntgen der Lungen ein Kontrastmittel eingeflößt worden. Das Mädchen starb, weil die Spezialflüssigkeit wegen eines mehrstündigen Stromausfalls nicht abgesaugt werden konnte. |