N A C H R I C H T E N
30.01.2000 Welt-Lepra-Tag am 30. Januar: Die Lepra ist noch lange nicht ausgerottetNeu Delhi/Würzburg (M.V.Balaji und Silvia Vogt) - Eine Jahrtausende alte Geißel der Menschheit ist auch heute noch nicht besiegt. Der Aussatz wird in der Bibel ebenso erwähnt wie in alten indischen Schriften. Indien-Besucher bekommen die furchtbaren Folgen der Lepra-Krankheit meist gleich nach der Ankunft zu sehen: In der Hauptstadt Neu Delhi halten ihnen Bettler verstümmelte Gliedmaßen entgegen, viele haben offene Stellen an den abgestorbenen Fingern.
Das müsste nicht mehr so sein, denn seit fast 20 Jahren ist Lepra heilbar. Dass viele Kranke erst zu spät einen Arzt aufsuchen, hängt mit der jahrhundertealten Angst zusammen, zum "Aussätzigen" zu werden. "Schon das Wort Lepra löst die Furcht vor Zurückweisung und Isolation aus", sagt Promod Kumar Roy von der indischen Lepra-Mission. "Sogar die Angehörigen von Patienten versuchen, die Krankheit zu verbergen."
Die Hälfte der Menschen in Indien kann nicht lesen und schreiben. Der Anteil der Kranken ist in abgelegenen und armen Gebieten besonders hoch. Die Nachricht von der Heilbarkeit der Geißel Lepra hat deshalb viele Betroffene noch nicht erreicht.
Indien will das jetzt mit einer großen Kampagne ändern. Sportler und andere Stars sollen in Fernsehspots und Anzeigen die dunklen Mythen, die sich um die Lepra ranken, vertreiben. Zugleich wollen die Prominenten die Berührungsängste gegenüber Kranken abbauen. "Wir müssen uns auf die Regionen Indiens konzentrieren, in denen Lepra besonders häufig vorkommt", sagt Rajan Babu, ein Arzt, der eine Lepra-Klinik in Neu Delhi leitet. Außer den Werbespots setzt die Anti-Lepra-Offensive deshalb auf Schulung.
Das Personal in den Gesundheitszentren betroffener Gebiete soll lernen, Lepra sofort zu diagnostizieren. Die Bevölkerung wird über verdächtige Symptome auf der Haut aufgeklärt. Außerdem haben sich die Hilfsorganisationen zum Ziel gesetzt, auch die abgelegendsten Apotheken ständig mit kostenlosen Lepra-Medikamenten auszustatten.
Derzeit erhalten noch jede Stunde 75 Menschen die Diagnose "Lepra", wie das Deutsche Aussätzigen-Hilfswerk (DAHW) mit Sitz in Würzburg berichtet. Pro Jahr sind das weltweit rund 700.000 neue Lepra-Fälle. Die Dunkelziffer der Erkrankten liege aber weitaus höher, sagte Jürgen König, Leiter der Projektabteilung Ausland.
Dies sei einer der Gründe, warum "die Lepra noch lange weitergeht", sagte König anlässlich des Welt-Lepra-Tages am 30. Januar. Die Krankheit werde oft nicht erkannt, oder Betroffene versteckten sich aus Angst davor, von Familien und Freunden ausgeschlossen zu werden. "Die Krankheit stigmatisiert. Die Kranken verbergen sich, sie kommen nicht zum Arzt", ist die Erfahrung des DAHW.
"Außerdem tut die Lepra nicht weh. Mit Nierenkoliken läuft man gleich zum Doktor, Lepra spürt man nicht." Weil die Lepra-Bakterien auch die Nerven schädigen, werde das Schmerzempfinden ausgeschaltet. Ohne Behandlung greifen die Bakterien Haut, Nerven, Sehnen, Muskeln und Knochen an. Es folgen Hautgeschwüre und Verkrüppelungen. Selbst nach der Heilung der eigentlichen Krankheit haben die Betroffenen oft mit Spätfolgen zu kämpfen. Sie litten an Verstümmelungen, Blindheit oder anderen schweren Behinderungen, sagte König. "Die Lepra ist ein Verstümmler, kein Killer."
Die meisten Lepra-Kranken leben laut DAHW in Indien. Dort seien 70 Prozent aller Fälle registriert. Weitere sehr stark betroffene Länder seien Brasilien, Indonesien und Bangladesch. Seit 1982 ist die Lepra nach DAHW-Angaben mit einer Medikamenten-Kombination heilbar: Eine Kombination aus mehreren Antibiotika kann die Bakterien abtöten, wenn sie über einen Zeitraum von zwei Jahren regelmäßig genommen wird. Danach ist der Patient geheilt. Früherkennung und der rechtzeitige Besuch beim Arzt sind Voraussetzungen für einen Erfolg. Derzeit seien mehr als 800.000 Leprakranke in medizinischer Behandlung. Die tatsächlichen Zahlen könnten nach Expertenschätzungen sogar zwei bis drei Mal so hoch liegen.
Das mangelhafte Erfassen der Erkrankten und eine nur am Krankheitsbild festzumachende Diagnose erschweren nach Königs Angaben jedoch eine wirksame Bekämpfung der Krankheit. Das von der Weltgesundheitsorganisation WHO gesteckte Ziel, die Lepra bis zum Jahr 2000 nahezu auszurotten, sei aber schon wegen der schwierigen Erfassung unrealistisch gewesen. Außerdem könne die Inkubationszeit bis zu 30 Jahre betragen. "Selbst wenn wir theoretisch alle Lepra-Patienten behandeln würden und keine Erreger mehr vorhanden wären, würden noch Menschen an Lepra erkranken."
Bis zum Jahr 2004 sollen nach den Plänen der WHO 2,5 bis 2,8 Millionen Neuinfizierte aufgespürt und behandelt werden. In den vergangenen 15 Jahren sind laut WHO rund 10 Millionen Menschen geheilt worden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO möchte Lepra bis zum Jahr 2005 unter Kontrolle bekommen. Indien will schon vorher ein Teilziel erreichen: Zur zeit sind nach offiziellen Statistiken fast sechs von 10.000 Indern leprakrank, in drei Jahren soll die Zahl der Betroffenen auf ein Sechstel fallen.
Der Welt-Lepra-Tag am Sonntag (30. Januar), an dem Organisationen in vielen Ländern auf die Krankheit aufmerksam machen, fällt in diesem Jahr exakt auf den Todestag von Mahatma Gandhi. Er hatte sich auch sehr für die Rechte der Lepra-Kranken eingesetzt.
"Es ist möglich, die Lepra als öffentliches Gesundheitsproblem zu beseitigen, wirklich auszurotten ist sie aber nicht", meint Lepra-Experte Roy. "Das ginge nur mit einem wirksamen Impfstoff." Den aber gibt es nicht. Das DAHW, die größte Organisation von rund 20 in der International Leprosy Federation zusammengeschlossenen Hilfswerken, hat in diesem Jahr 29 Millionen Mark in seinem Etat für Lepra- und Tuberkulose-Projekte vorgesehen. Der größte Teil der Ausgaben fließt in die Ausbildung medizinischen Personals, in Aufklärungskampagnen und Hilfe für ehemalige Lepra-Kranke. LEXIKON: Lepra - noch viele unbekannte Faktoren Lepra wird von Bakterien ausgelöst. Bis heute ist nach Angaben des Deutschen Aussätzigen-Hilfswerks (DAHW) in Würzburg die Züchtung dieses 1872 entdeckten Erregers aber auf Kulturböden nicht gelungen. Deshalb gebe es auch noch keinen Impfstoff gegen Lepra.
Die Krankheit befällt Haut und Nerven der Betroffenen. So zeigen sich Beulen und Knoten auf der Haut, es kommt zu Lähmungen und dem Ausfall des Schmerzsinnes. Der Übertragungsweg der Lepra ist nicht genau bekannt. Tröpfcheninfektion sind laut DAHW wahrscheinlich, aber auch über Hautkontakt scheine eine Übertragung möglich.
Lepra sei eine Krankheit der Armut und müsse in Zusammenhang mit den Lebensbedingungen der Erkrankten gesehen werden, betont das DAHW. Etwa 800.000 Lepra-Kranke befinden sich derzeit in medizinischer Behandlung, von Spätfolgen betroffen sind Schätzungen zufolge zwei bis drei Millionen Menschen. Foto: © 2000 dpa |