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29.01.2000

Cholesterinsenkung im Blut: Berlinern gelang wichtige Entdeckung von LDL-Senkern

Berlin/München (Gerald Mackenthun) - Berliner Medizinern ist ein wichtige Entdeckung in der Cholesterin-Forschung gelungen: Sie haben auf Chromosom 13 des menschlichen Erbguts ein Gen ausfindig gemacht, das einen Cholesterin-senkenden Effekt hat. Die Entdeckung ist für Millionen von Menschen bedeutsam, denn hohe Cholesterin-Werte im Blut erhöhen das Risiko von Gefäßverschlüssen, was Herzinfarkt und Schlaganfall bedeuten kann.

Allein von der erblichen Cholesterin-Erhöhung ("familiäre Hypercholesterinämie") sind weltweit zehn Millionen Menschen betroffen, ganz zu schweigen von den vielen, die mit zu fetter Ernährung ihren Cholesterinwert mehr oder weniger selbst verschuldet nach oben drücken.

"Es ist noch ein sehr langer Weg bis zur Therapie", betont jedoch Hans Knoblauch, Mitarbeiter des Max-Delbrück-Centrums (MDC) für molekulare Medizin in Berlin-Buch. Zunächst einmal wurde nur der Genort auf dem Erbgutträger Chromosom 13 nachgewiesen, nicht aber das Gen selbst. Das Chromosom 13 (der Mensch hat 23 Chromosomenpaare in jeder seiner Zellen) ist relativ lang mit mehreren tausend Einzel-Genen. Die Arbeitsgruppe am Max-Delbrück-Zentrum will sich jetzt an die Arbeit machen, das Cholesterin-Gen selbst zu finden.

Gene haben die Eigenschaft, oft nur im Zusammenwirken mit anderen ihre Wirkung zu entfalten, was die Suche nach Therapien und Medikamenten außerordentlich erschwert. Bei dem Cholesterin-Gen jedoch haben die MDC-Forscher und ihre Kollegen vom Hadassah Universitätshospital in Jerusalem (Israel) die Hoffnung, es mit einem "Haupt-Gen" zu tun zu haben, das für den Effekt der Cholesterinsenkung ausschlaggebend ist.

In Zusammenarbeit mit den israelischen Wissenschaftlern um Eran Leitersdorf hatten die Berliner eine große, über 100 Menschen umfassende arabische Familie aus Israel untersucht, von denen viele die erblich bedingte Hypercholesterinämie aufwiesen. Deren Werte für das besonders gesundheitsschädliche LDL-Cholesterin sind um das Zweifache bis Sechsfache erhöht. Elektrisiert waren die Mediziner, als sie entdeckten, dass einige Familienmitglieder den für Hypercholesterinämie verantwortlichen Gendefekt aufwiesen und trotzdem die im Blut schwimmende LDL-Cholesterinfraktion keine abnorm hohen Werte aufwies.

Durch Blutuntersuchungen wurde eine ihnen gemeinsame genetische Eigenschaft auf dem erwähnten Chromosom 13 entdeckt. Sie verfügen über einen eingebauten LDL-Senker, der den Effekt der vererbten familiären Hypercholesterinämie wieder aufhebt. Normalerweise baut die Leber das Cholesterin im Blut wieder ab. Bei der Hypercholesterinämie hingegen bleiben hohe LDL-Cholesterinwerte im Blut, weil den Leberzellen ein LDL-Rezeptor fehlt, der bei Gesunden das Cholesterin abfängt. Die Folge: LDL setzt sich in den Blutbahnen fest, die Arterienverkalkung beginnt und kann zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen.

Mit der Berliner Entdeckung ist ein erster Schritt in Richtung auf eine direkte Bekämpfung von Infarkt und Hirnschlag gemacht, nicht nur bei Menschen mit Hypercholesterinämie. Immerhin stehen Herz- Kreislauf-Erkrankungen an der Spitze der Todesursachen in den Industrienationen. Doch noch ist viel zu tun. Knoblauch erläutert den langen Weg zur Therapie: Zunächst muss das verantwortliche Gen identifiziert und dann seine Wirkungsweise entschlüsselt werden. Jedes Gen ist eine kleine Informationszentrale für die Produktion eines jeweils ganz bestimmten Proteins, eines Eiweißes.

Von der Entschlüsselung des Gens erhoffen sich die Mediziner ein besseres Verständnis für die Mechanismen des Fettstoffwechsels und der Arteriosklerose. In diesen Stoffwechsel könnte eventuell fördernd und die Leber unterstützend eingegriffen werden. Am Ende stünde die Entwicklung einer neuen Klasse von Cholesterin-senkenden Medikamenten.

LEXIKON: Cholesterin - Risikofaktor für Herzinfarkt

Cholesterin ist ein fettähnlicher Stoff. Es kommt in fast allen menschlichen und tierischen Geweben vor. Besonders viel davon befindet sich in Gehirn, Nieren, Leber und Lunge. Aus Cholesterin werden im Organismus unter anderem Gallensäure, Sexualhormone und Vitamin D gebildet. Der Körper bildet den Stoff in der Leber und der Darmschleimhaut. Das über die Nahrung aufgenommene Cholesterin ist für den Stoffwechsel von großer Bedeutung.

Mediziner unterscheiden zwischen dem "guten" HDL- und dem "bösen" LDL-Cholesterin. Ersterem wird eine Schutzfunktion vor Herz- Kreislauf-Erkrankungen zugeschrieben. Das LDL-Cholesterin dagegen ist entscheidend für das Herzinfarkt-Risiko. Wird bei einem Patienten ein erhöhter Gesamt-Cholesterinwert von über 200 Milligramm pro Deziliter Blut ermittelt, sollte auf jeden Fall die Höhe der einzelnen Anteile von HDL und LDL bestimmt werden.

Erhöhte Blutcholesterinwerte entstehen durch übermäßigen Verzehr von Fetten mit gesättigten Fettsäuren (Schmalz, Butter, Innereien und Krustentiere) und tierischem Eiweiß. Ein Eigelb enthält im Durchschnitt 300 Milligramm Cholesterin, 100 Gramm Schweineleber enthalten 340 Milligramm und 100 Gramm Kalbshirn 2.000 Milligramm. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, täglich nicht mehr als 300 Milligramm Cholesterin aufzunehmen. Pflanzliche Produkte enthalten kein Cholesterin.