N A C H R I C H T E N
28.01.2000 Anatomie der Gesundheitsreform: Kassen fordern weitere Reformen, Ärzte wollen Proteste fortsetzenBerlin (MEDI-Report) - Während Ärzte und Psychotherapeuten mit dramatischen Einkommensverlusten kämpfen und vereinzelt dem persönlichen Burn-out erlegen sind, flimmert über die Bildschirme noch immer die heile Welt der Medizin. 
Die Schauspielerin Franka Potente (2. von rechts) freute sich am 26.01.2000 mit ihrer Kollegin Anna Loos und den beiden anderen Hauptdarstellern Benno Fürmann (rechts) und Holger Speckhahn über den Europa-Start ihres gemeinsamen Films "Anatomie" in München.
Der Horrorthriller spielt im Medizinermilieu, in dem Franka Potente als ehrgeizige Studentin einer Mordserie auf die Spur kommt und dabei selbst in Lebensgefahr gerät. Filmstart ist der 2. Februar 2000. (Foto:dpa)Immerhin: Der Potente-Film "Anatomie" ist ein Horrorthriller. Auch die "Anatomie" der Gesundheitsreform 2000 empfinden die Betroffenen vielfach als puren Horror. "Die Stimmung bei den niedergelassenen Ärzten schwankt zwischen offener Wut und Resignation; schlecht ist sie allemal", schrieb Barbara Thurner-Fromm in der Stuttgarter Zeitung am 17.01.2000: "Die Mediziner fühlen sich von der rot-grünen Politik kujoniert, die ihnen nicht nur die Honorare begrenzt, sondern auch finanzielle Obergrenzen vorschreibt für Medikamente und Heilmittel. Sie fühlen sich zerrieben zwischen striktem Sparkurs einerseits und gleich bleibendem Anspruchsdenken von Patienten, das Krankenkassen fördern, indem sie erklären, Leistungen dürften nicht begrenzt werden".
So ist es nur folgerichtig, dass der neue Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KÄBV), Manfred Richter-Reichhelm, die Ärzte "aus der Defensive in die Offensive bringen" will. Er "ermuntert Ärzte zum Streik", titelt die Wochenzeitung MEDICAL TRIBUNE in ihrer heutigen Ausgabe (28.01.2000). Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) muss sich deshalb auch im neuen Jahr auf massive Konflikte mit Ärzten und anderen Gesundheitsberufen einstellen. Die Bundesärztekammer (BÄK) kündigte am Donnerstag in Berlin weitere Proteste gegen die seit Jahresanfang geltende Gesundheitsreform 2000 an. Dabei schloss auch BÄK-Präsident Jörg- Dietrich Hoppe streikähnliche Aktionen wie "Budgetferien" nicht ganz aus. Ärzteverbände prüften derzeit, ob nach den jüngsten Gesetzesänderungen die bisherige Friedenspflicht der Kassenärzte rechtlich noch gelte. Die Grundversorgung der Patienten werde aber gesichert bleiben, betonte Hoppe.
Der Ärztepräsident warf Fischer vor, den Menschen "Sand in die Augen zu streuen". Die anhaltende Ausgabenbegrenzung zwinge die Mediziner zur Rationierung von Leistungen. Bei Arzneimitteln gebe es diese schon. Für die Behandlung von Kranken stehe den niedergelassenen Ärzten real weniger Geld zur Verfügung als im Vorjahr. Im Klinikbereich sehe "es ganz schlimm aus". Dort drohten Stellenabbau, Einschnitte und ein Verschiebebahnhof. Die Engpässe würden sich wahrscheinlich wieder am Ende des Jahres zuspitzen, wenn die Budgets erschöpft seien.
Das "Bündnis für Gesundheit", ein politischer Zusammenschluss von Verbänden der Heilberufe, werde im April auf einem Kongress zur Rationierung die "Entgleisungen der Gesundheitspolitik" deutlich machen. Hoppe bekräftigte die Forderungen der Ärzteschaft, einerseits den Leistungskatalog der Krankenkassen auszudünnen und andererseits die Geldquellen der Krankenkassen zu erweitern. So müsse überlegt werden, auch auf Einkünfte wie Miet- und Zinserträge Kassenbeiträge zu erheben.
So steht die seit vier Wochen geltende Gesundheitsreform 2000 weiter in heftiger Kritik. Auch die Ersatzkassen haben weitere Reformen gefordert. Die Gesundheitsreform 2000 löse kein einziges Strukturproblem, kritisierte der Vorsitzende des Verbandes der Angestellten- Krankenkassen (VdAK), Lutz Freitag, laut Mitteilung am Donnerstagabend in Berlin.
Zudem bürde das Gesetz den Krankenkassen noch Mehrkosten von rund zwei Milliarden Mark auf, ohne diese Kosten gegenzufinanzieren. "Die Krankenkassen müssen enorme Kraftanstrengungen unternehmen, um ihre Beitragssätze stabil zu halten", sagte Freitag. Er forderte die rot-grüne Bundesregierung und die Opposition auf, möglichst schnell gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Die Finanzierung der Krankenhäuser müsse reformiert und Überkapazitäten im Gesundheitswesen müssten abgebaut werden. Mit Kochmütze bedient Regisseur Otto W. Retzer die Schauspieler Klausjürgen Wussow, Carolina Vera Squella (links) und Simone Heher am 17.1.2000 am Drehort Clinica Maya im mexikanischen Tulum.
Dort wurde die sechste Staffel der ARD-Serie "Klinik unter Palmen" produziert. Die Film-Klinik soll nach Abschluss der Dreharbeiten in Mexiko Ende März 2000 ein Restaurant werden - für die "Überkapazitäten im Gesundheitswesen" wohl kaum eine Alternative. Ab heute (28.01.2000) sind die drei neuen Folgen der fünften Staffel im Ersten und in Österreichs ORF 1 zu sehen. (Foto:dpa)
"Ein paar Kräuter aus dem Praxisgarten gefällig?" Dies mag eine Trendfrage werden, wenn Ärzte ihren Patienten die Auswirkungen dieser "Gesundheitsreform" servieren. Psychotherapeuten, die ihre Praxen schließen, könnten die depressiven Patienten alternativ auf die heilsame Wirkung der Arzt-Serien verweisen. Damit alles jedoch seine schöne Ordnung hat, bekundete das Bundesministerium für Gesundheit am 18.01.2000 bereits öffentlich Interesse "zur Vergabe eines Forschungauftrags zur Bedarfsplanung der vertragsärztlichen Versorgung".
Ziel dieses ministerialen "Forschungsauftrags ist die Ermittlung wissenschaftlich fundierter Bedarfskriterien für die gesundheitliche Versorgung der Versicherten. Das Wirtschaftlichkeitsgebot des SGB V (§ 12 SGB V), nach dem die Versicherten einen Anspruch auf eine 'ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung, die das Maß des Notwendigen nicht überschreiten darf', haben, ist dabei zu berücksichtigen. In dem Forschungsergebnis ist insbesondere sicherzustellen, dass eine ausreichende Anzahl von Haus- sowie Fachärzten in den verschiedenen Facharztgruppen eine angemessene Versorgung sicherstellt, dass Überversorgung und medizinisch unbegründete Leistungsausweitungen aufgrund überhöhter Ärztezahlen vermieden werden."
Die Auseinandersetzung um das rechte Maß wird also in Rechenspielen stattfinden. Allerdings nicht nur: Der KÄBV-Vorsitzende Manfred Richter-Reichhelm verkündete bereits, "die stille Rationierung öffentlich" machen zu wollen. Mit einem so genannten "Morbiditätsindex" wollen die kassenärztlichen Vertragsbehandler vorrechnen, wie viel Geld benötigt wird, um die kranke Bevölkerung in Deutschland zu versorgen. Aber auch mit deutlicherer Sprache, einer offensiveren Pressearbeit und Kampfmassnahmen will Richter-Reichhelm der gesamten Öffentlichkeit demonstrieren, dass Rationierung am Patienten eine unvermeidliche Folge der Geldverknappung und nicht die Folge bösartiger und nur auf ihren Vorteil bedachter Ärzte ist.
In der Tat: "Nur Transparenz kann heilen", empfahl die Stuttgarter Zeitung zwei Tage nach der Wahl von Richter-Reichhelm: "Dass die Situation so verfahren ist, daran ist freilich nicht erst die rot-grüne Regierung schuld. Es gibt keinen Markt, der so wenig transparent ist wie der Gesundheitsbereich. Davon haben viele Jahre lang die so genannten Leistungserbringer hervorragend gelebt. Täglich sitzen mehr als eine Million Bürger in Arztpraxen, doch wie krank sie sind, was also medizinisch notwendig und welcher Preis dafür angemessen ist, wurde bisher nie offen gelegt. Kein Patient weiß, welche Kosten er verursacht, und keinem Arzt wird auf die Finger geschaut, ob seine Entscheidungen betriebswirtschaftlich oder medizinisch indiziert sind. Unter solchen Bedingungen kann unverantwortlicher Mangel ebenso herrschen wie Wildwuchs gedeihen. Ärzte, Kassen und Politik müssen deshalb gemeinsam endlich den einzig Erfolg versprechenden Weg aus dem Frust frei machen und für mehr Transparenz sorgen."
Beginnen wir darum mit der öffentlichen Sektion. Akribisch, ehrlich, verantwortungsbewusst. fotos: © 2000 dpa |