Anzeige:
PSYCHOTHERAPIE


N A C H R I C H T E N

27.01.2000

Verliebtsein - eine psychische Störung

Hamburg (Susanna Gilbert) - "Lieben kannst Du, Du kannst lieben, doch verliebe Dich nur nicht", riet der Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729- 1781) wohl aus eigener schmerzlicher Erfahrung. Auch heute, 250 Jahre später, ist Verliebtsein für die psychologische Forschung nicht nur ein ungetrübtes Vergnügen. Wer auf rosa Wolken schwebt, ist "ernsthaft psychisch gestört", sagt Prof. Rene Diekstra von der Universität Leiden. Da ist es ein Trost, daß die Leidenschaft in den meisten Fällen nicht von Dauer ist. Denn, so Diekstra, jahrelang verliebt zu sein, "würde zur totalen Erschöpfung führen".

Wenn die Schmetterlinge im Bauch zu flattern beginnen und das Herz wie wild klopft, ist es geschehen: Amor hat sein Ziel getroffen und "der Verstand tritt zurück". So jedenfalls sieht es der Stuttgarter Neurologe Klaus Gottwald. Verliebtsein hat aus seiner ärztlichen Sicht letztlich nur das Ziel, "den Fortpflanzungsmechanismus in Gang zu setzen". Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) sah das ähnlich: "Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe."

Ob Teenie oder Greis - wohl niemand ist davor gefeit, von Gefühlen überrollt und "Obsessionen" (Diekstra) überwältigt zu werden. Doch junge Menschen, die noch keine Erfahrungen mit diesen Empfindungen haben, sind besonders gefährdet, den Überblick zu verlieren. Dabei leben wirkliche Liebesbeziehungen aus der Sicht des Leidener Psychologen nicht nur vom Verliebtsein, sondern auch von Verbundenheit, emotionaler Intimität und Leidenschaft.

Ein enorm komplizierter Mechanismus sorgt dafür, daß es einen "erwischt". Treffen sich zwei Menschen, sind alle Sinne gefordert: Sie blicken sich in die Augen, nehmen den Geruch des anderen wahr, achten auf Tonfall und Körpersignale. Wenn die Chemie stimmt, kommt es im Zusammenspiel mit Gehirn und Nerven zu einer lawinenartigen hormonellen Ausschüttung. Es hat "gefunkt".

In Vorfreude auf die erhoffte sexuelle Vereinigung schaltet der Körper jetzt nach Darstellung Gottwalds auf Leistungsbereitschaft: Das Herz klopft wie wild, die Pupillen werden weit, der Blutdruck steigt und Schweiß bricht aus. Beim Mann erigiert der Penis, die Vagina der Frau wird feucht, und die Seele ist glücklich.

Das Schlimmste, was einem in dieser Situation passieren kann, ist unerwiderte Liebe. Dann wird die oder der Abgewiesene in dem "hormonellen Streßzustand" (Gottwald) allein gelassen, und der Triebstau kann nicht abreagiert werden. "Eine schwere Leidensphase" beginnt, sagt der Neurologe, der den Betroffenen gleich einen Tip mit auf den Weg gibt: Sport heilt zwar nicht die Wunde, aber er hilft. Verliebte leiden oft, sagt auch Diekstra, "aber sie leiden gern".

Wirklich bedenklich wird Verliebtsein nach Ansicht des Psychologen, wenn es ein chronischer Zustand wird: Dies trifft auf jene zu, die ihre große Liebe nicht vergessen können und einen "inneren Altar" für das Objekt ihrer Sehnsucht errichtet haben. Es trifft aber auch auf diejenigen zu, die "verliebt in die Liebe" ganz im Sinne eines Casanovas sind. "Das sind Süchtige", meint Diekstra.

Wie gefährlich Verliebte leben, ist bereits in dem ältesten Leitfaden der Liebe, dem indischen Kamasutra, nachzulesen: Hoffnungslos Liebende kehren sich immer mehr von der Welt ab und werden schließlich verrückt. "Das Ende kommt dann unwiderruflich: Der Geist wird aufgegeben und der Tod tritt ein." (dpa)