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N A C H R I C H T E N

27.01.2000

Schichtarbeit und Übergewicht: Wenn der Schlaf nicht kommt

Ingolstadt (Margit Auer) - Der Patient rückt gegen 21.00 Uhr mit Pyjama und Zahnbürste an, mehr braucht er nicht. Im Obergeschoss des Ingolstädter Klinikums wird sein Kopf mit Elektroden verdrahtet. Er bekommt einen Nasenfühler, zwei Gurtbänder um Brust und Bauch. Gemessen werden Augenbewegungen, periodische Beinbewegungen und die Muskelspannung am Kinn. Eine Kamera an der Decke und ein Mikrofon sorgen dafür, dass jedes Detail aufgezeichnet wird. "Manche Leute sagen, dass die Überwachung im Schlaflabor stärker ist als auf der Intensivstation", lacht Johanna Wilde-Frenz, die als Psychologin am Ingolstädter Klinikum gemeinsam mit einer Kollegin und zwei Ärzten für die Betreuung der schlafgestörten Patienten zuständig ist.

Pro Quartal werden im Schlaflabor Ingolstadt zwischen 150 und 200 Patienten untersucht, die alle das gleiche Problem haben: Sie können nachts nicht schlafen. Anstatt im Bett in wohligen Schlummer zu fallen, liegen sich flach. "Das Bett wird zum Feind", so beschreibt es die Psychologin. Die Gedanken drehen sich im Kreis, eine bequeme Schlafposition wird einfach nicht gefunden. "Schlafen ist eine extrem komplizierte Leistung des Gehirns", betont Wolfgang Hartmann, der Leiter der psychiatrischen Abteilung, zu der das Schlaflabor gehört. "Es ist fast ein Wunder, dass es in den meisten Fällen klappt."

Nach einer Studio leidet in den westlichen Industrienationen etwa jeder vierte Mensch an Schlafstörungen. In acht bis neun Prozent der Fälle sind die Störungen so akut, dass eine Behandlung nötig ist. Über 180 Schlaflabors gibt es in Deutschland, vielen geht es wie den Ingolstädtern: "Wir sind voll ausgelastet."

Am größten ist die Not, wenn die Schlaflosigkeit Teil einer anderen Krankheit ist. Schlafstörungen können gekoppelt sein mit akuten Atemstörungen, chronischen Lungenerkrankungen, Depressionen oder Bluthochdruck. Die Hauptklientel im Schlaflabor beschreibt der Ingolstädter Arzt Martin Zeitelberger so: Männer zwischen 35 und 60 Jahren, kleiner, gedrungener Körper, Übergewichtig und kurzatmig.

Die Patientenzahl steigt, die Wartezeit für eine Untersuchung liegt derzeit bei drei Monaten. Zunehmende Schichtarbeit, mehr Lärmbelastungen und mehr Stress sorgen dafür, dass bei immer mehr Menschen die Nachtruhe leidet. "Wir tun so ziemlich alles, was unsinnig ist", erklärt Hartmann. Nicht nur Kaffee, Alkohol und Fernsehen stören den Schlaf. Vor allem Schichtarbeiter leiden darunter, dass sie ständig die Nacht zum Tag machen müssen. Drei Tage dauert es, sagen Mediziner, bis sich der Mensch an einen neuen Zeitablauf gewöhnt hat - wer nach einer Fernreise unter dem Jetlag leidet, kennt das Problem. Wer aber ständig gegen seinen biologischen Rhythmus lebt, muss mit chronischen Schlafstörungen rechnen. Am meisten betroffen seien Lokomotivführer, sagt Johanna Wilde-Frenz: "Die haben die schlimmsten Schichten und können sich auf keinen konstanten Rhythmus einstellen." Für Hartmann steht deswegen fest: "Ab der Mitte des Lebens, spätestens mit 50 Jahren, ist Schichtdienst gesundheitsgefährdend."

Nach einer Nacht im Schlaflabor liegen über 800 Einzelbefunde vor. 400 Meter Endlospapier wären nötig, um alle aufzuzeichnen. Inzwischen speichert der Computer die Daten. Meist reichen schon zwei bis drei Übernachtungen im Klinikum, um dem Schlafmuster des Patienten auf die Spur zu kommen. Manche leiden unter plötzlichem Atemstillstand, ohne es zu merken. Manche Patienten wachen hunderte Male pro Nacht auf - kein Wunder, dass sie am nächsten Tag total gerädert sind.

Oft kann dem Patienten ambulant geholfen werden. Dann bekommt er einen Aktometer verpasst. Das kleine Gerät wird Tag und Nacht wie eine Armbanduhr getragen. Es unterscheidet sehr genau zwischen Ruhe und Aktivität, der Tagesablauf des Patienten wird systematisch aufgezeichnet. Gemeinsam mit den Ärzten wird anschließend daran gearbeitet, die Ruhephasen in die Nacht zu legen. "Wir führen ein anstrengendes Regime", gibt Zeitelberger zu. Die Mittagsruhe wird gestrichen. Stattdessen werden feste Schlafenszeiten festgelegt, etwa von Mitternacht bis 05.00 Uhr. Manchmal helfen schon einfache Tipps: "Bei Schlaflosigkeit auf keinem Fall im Bett liegen bleiben und grübeln", rät die Psychologin Johanna Wilde-Frenz. Stattdessen laute die Devise: "Raus aus dem Bett."

 
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